Vaterland Europa

“Perhaps it is not superfluous to remember that we Europeans, although we speak different languages, draw our thoughts and feelings from a common spirit, we are one in our faith, in our unreligion and even in our superstition, in our epic legends, in our fables and even in our children’s fairy tales; that a spiritual spark has never been lit in any part of Europe without the whole continent becoming immediately inflamed – or even set on fire.”

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INHALT

Europa im Kampf der Zölle, Klassen und Völker

Der Weg zum europäischen Bundesstaat

Merkwort für das Programm des „Europa-
Kongresses“ in Basel 1932

EUROPA
IN KAMPF DER ZÖLLE,
KLASSEN UND VÖLKER

Eine Gedrängte Auseinandersetzung mit den Problemen, die durch die Frage eines europäischen Zusammenschlusses aufgeworfen werden, gehört zu den schwierigsten Aufgaben. Die Schwierigkeit besteht weniger in dem, was darüber zu sagen ist, als vielmehr in der Fülle dessen, was angesichts der mir selbst auferlegten Beschränkung durch den Rahmen einer Broschüre ungesagt bleiben muß. Es gibt kaum ein Gebiet des politischen, sozialen, kulturellen Lebens, das nicht von Paneuropa berührt und von Grund aus eine Umwandlung erfahren würde. Es ist jedoch hier unmöglich, die gesamten durch Paneuropa berührten oder neuaufgeworfenen Probleme zu erschöpfen oder auch nur oberflächlich zu erörtern. Es ist nicht einmal möglich, hier auf die gesamten Argumente für oder gegen Paneuropa selbst einzugehen. Aber sogar im Falle der Möglichkeit wäre die Zweckmäßigkeit zweifelhaft. Diese würde von der Zusammensetzung meines Leserkreises abhängen. Spreche ich zu schon überzeugten Paneuropäern oder nur zu überzeugten – Musikfreunden? Fast wünschte ich das Letztere; nicht etwa in der Annahme, daß ich sie alle in überzeugte Paneuropäer verwandeln würde, sondern aus dem peinlichen Bewußtsein heraus, daß ich auch bei Beobachtung aller gebotenen Knappheit es nicht vermeiden kann, hier Tatsachen und Argumente vorzubringen, die auf Paneuropäer wie das Einrennen offener Türen wirken müssen. Paneuropäer, verzeiht es mir – um derjenigen willen, die es noch nicht sind. Und die Skeptiker bitte ich, nicht zu glauben, daß jeder ihrer etwaigen Einwände gegen die hier niedergelegten Gedankengänge übersehen wurde oder nicht entkräftet werden könnte, auch dann, wenn es technisch unmöglich ist, jedesmal mit dem vollzähligen Rüstzeug kontradiktorischer Beweisführung zu kommen.

Wie immer in meinem Leben, wenn es sich um mein ganzes Ich, meine ganze Überzeugung, um das Einstehen mit meiner Person handelte, so ist es mir auch mit dem Problem Europa ergangen: Ich mußte es mit meinem Gefühl zuerst erleben, und dann kam die erklärende und kontrollierende Vernunft nach. Mein Erlebnis begann gleichsam mit einem Paradox: Ich wurde Paneuropäer in Amerika! Im Jahre 1920, im Moment des tiefsten europäischen Zusammenbruchs, des wirtschaftlichen Chaos und nationalen Mißtrauens, der Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und des Egoismus kam ich zum erstenmal nach den Vereinigten Staaten. Was ich dort erblickte, mußte gerade in jener Zeit auf einen denkenden und fühlenden Europäer wie die Rückkehr zum Eden wirken und zu einem Versuche reizen, auch in Europa die Voraussetzungen zur Errichtung eines solchen „Paradieses auf Erden“ zu schaffen: Gegenseitiges Vertrauen, Optimismus, Wohlhabenheit auch der untersten Volksschichten, Zufriedenheit, Hilfsbereitschaft! Hier nur einige Streiflichter über die damalige amerikanische Lage, die ich in meiner seinerzeitigen Broschüre[1] mit ausführlichen Prosperitätsbeispielen illustriert habe: Die Köchin, die ihre neue Stelle wieder aufgibt, weil in der Garage der Herrschaft kein Platz zum Einstellen – ihres Autos ist; der schwarze Schlafwagenschaffner, der, ohne mich zu erkennen, meine Grammophonplatten mit denjenigen meiner Kollegen sachgemäß vergleicht; der Chicagoer Zimmerkellner, der die Freikarte zum Symphoniekonzert dankend ablehnt, weil er ein Abonnement für die ganze Serie Symphoniekonzerte besitzt, usw .... Damit soll keineswegs angedeutet werden, daß der amerikanische Kellner oder Schaffner musikalischer als sein europäischer Kollege sei, sondern nur die Tatsache, daß er sich diese Dinge leichter leisten kann, weil sein Lohn im Verhältnis zum Preis der Konzertkarte oder der Schallplatte um das Vielfache höher ist als der Lohn seines europäischen Kollegen im Verhältnis zu europäischen Konzertkarten und Platten. Dieses Phänomen der hohen Arbeitslöhne und niedrigen Warenpreise findet seine Erklärung in den amerikanischen Methoden der Gütererzeugung und –verteilung. Sie beruhen auf der sogenannten Massenproduktion und haben Massenabsatzmärkte zur Voraussetzung, also politische Voraussetzungen. Diese Massenproduktion ist nichts anderes als die zuletzt erreichte Phase in der Entwicklung menschlicher Arbeitsteilung, und Arbeitsteilung war schon immer der wichtigste Faktor in der Entwicklung des Menschen vom Höhlenbewohner zum Kulturmenschen. Die amüsanteste Illustration von der Bedeutung der fortschreitenden Arbeitsteilung gibt uns Adam Smith (Wealth of Nations) mit dem berühmten Beispiel der Stecknadelfabrikation. Während die Herstellung einer Stecknadel durch einen einzelnen Menschen ohne Arbeitsteilung gerade einen Tag beansprucht hätte, würden innerhalb derselben Zeit mit Hilfe der Arbeitsteilung durch 10 Arbeiter und entsprechender Werkzeuge 45 000 Stecknadeln hergestellt werden. Das war nach dem Stande der Technik vom Jahre 1720. Heute würde das Verhältnis wahrscheinlich 1:1 000 000 sein. Dies kennzeichnet am besten den Weg von der Armut der Naturvölker zum Wohlstand der Kulturvölker. Es beleuchtet aber zugleich auch eine der wichtigsten Ursachen des relativ hohen Lebensstandards in Amerika.

Für den amerikanischen Beitrag zum Kapitel „Arbeitsteilung“ möchte ich nun ein Beispiel für Viele erörtern: das Fordsche Auto, – auch wenn es manchem (meiner Ansicht nach zu Unrecht) als durch die Weltkrise überholt erscheinen sollte.

Ford hat mit einer geradezu genialen Kühnheit und Konsequenz das Prinzip der Arbeitsteilung mit Hilfe von raffiniertesten Maschinen und des berühmten laufenden Bandes so weit getrieben, daß sich die Arbeit eines einzelnen Arbeiters auf ein – zwei Griffe reduziert. Die Folge ist, daß bei Ford etwa 10 mal soviel Automobile auf den Kopf des Arbeiters entfallen als in europäischen Fabriken. Das besagt vielleicht weniger als die folgenden, geradezu überwältigenden Wirkungen auf die Löhne und Preise dieses Artikels: Als Fords Jahresproduktion bei etwa 200 000 Automobilen hielt, da kostete ein Wagen 1250 Dollar, und der Lohn des ungelernten Arbeiters betrug etwa 4 Dollar pro Tag. Als sich seine Produktion im Laufe einiger Jahre mit fortschreitender Arbeitsteilung verzehnfachte auf über 2 Millionen pro Jahr, da konnte er den Preis des Wagens (Roadster 1924–28) von 1250 Dollar auf 260 Dollar ermäßigen, den Tageslohn des ungelernten Arbeiters dagegen von 4 auf 6 Dollar erhöhen und seinen eigenen Profit dabei um ich weiß nicht wieviel steigern! Dies weist auf eines der wichtigsten ökonomischen Gesetze hin, dessen bewußte Anwendung durch die berufenen Faktoren das ganze innere und äußere Bild unseres Erdteils von Grund aus verändern würde: Das Gesetz von der Relation der Preise zur Quantität der Erzeugung, zum Umfang und zur Steigerung des Bedarfes. Wenn wir uns vorstellen, der 4-Dollar-Arbeiter selbst hätte zur Zeit der kleineren Produktion ein Auto erwerben wollen, dann hätte er bei einem Anschaffungspreis von 1250 Dollar ungefähr seinen Jahreslohn ausgeben müssen. Utopie! Denken wir uns aber, der 6-Dollar-Arbeiter wollte sich ein paar Jahre später den verbilligten (und zugleich noch verbesserten) Fordwagen kaufen, dann würde der Preis von 260 Dollar einem Arbeitslohn von bloß dreieinhalb Monaten gleichkommen. Das kann er sich leisten, mit andern Worten: er ist aus einem Proletarier zu einem Autobesitzer geworden! Dieses Prinzip kann man in Amerika auf die meisten Industrieerzeugnisse angewendet sehen und mit demselben Resultat. Ich habe das Auto als Beispiel gewählt, weil es nichts eindrucksvolleres für die Richtigkeit wirtschaftlicher Maßnahmen gibt, als zu sehen, wie durch sie ein Luxusartikel privilegierter Stände zum täglichen Gebrauchsartikel des ganzen Volkes wurde. Aber erst recht kann man die Wirkung der Massenproduktion in einem zollfreien gesamtkontinentalen Wirtschaftsgebiet an jenen tausenden Gebrauchsgegenständen beobachten, die die Tagessorgen der Europäer bilden: Bekleidung, Nahrungsmittel, Verkehr, Theater, alles ist im Verhältnis zum amerikanischen Lohn 3 bis 8 mal billiger als diese Gegenstände in Europa im Verhältnis zum europäischen Lohn.

Die Erzählungen europäischer Reisender von den hohen amerikanischen Preisen, welche die hohen Löhne ziemlich wettmachen, beruhen auf einem gedankenlosen Fehlurteil. Natürlich müssen dem europäischen Amerika besucher seine Ausgaben hoch erscheinen. Handelt es sich doch meistens entweder um Europäer mit bescheidenen, aus niedrigen Europalöhnen ersparten Mitteln, denen gegenüber alle für Amerikalöhne noch so billigen Preise hoch erscheinen müssen, oder aber um reich bemittelte, die gewohnt sind, ihre Stiefel und Kleider nach Maß arbeiten zu lassen, 3–4 Dienstboten zu halten und sonstige menschliche Dienste unmittelbar entgegenzunehmen. Das kann man allerdings in Amerika nicht. Oder man muß schon als sehr reicher Mann die Konkurrenz mit den hohen Arbeiterlöhnen der amerikanischen Fabriken gegenüber seinen Dienstboten, Maßschuhmachern usw. aufnehmen. Aber darin besteht doch gerade die kürzeste Definition des Begriffes „Volkswohlstand“: höchste Bewertung der menschlichen Arbeit, niedrigste Preise der Industrieartikel. Und von den 120 Millionen Amerikanern werden sich mindestens 119 Millionen mit Kleidern, Schuhen, Autos, Bädern usw. usw. aus der Massenfabrikation begnügen; aber die können sie sich auch alle leisten, und nicht wie in Europa bloß jeder Zehnte oder Hundertste etwa ... Die üblichen Hinweise auf den Bodenreichtum und die dünne Bevölkerungsschicht Amerikas, mit denen man seine bisherige Blüte erklären wollte, muß ich als trugschlüssig zurückweisen. Bleiben wir einmal bei den angeblich so billigen Rohstoffen: Das Auto besteht aus folgenden Rohstoffen: Stahl – er ist in Amerika etwas teurer als in Europa; Gummi – wächst dort ebensowenig wie hier; – der Stoff „Menschenkraft“ ist dort 3 bis 4mal teurer; und das Gesamtergebnis kostet doch nur etwa die Hälfte bis ein Drittel des europäischen Preises! Die amerikanische Prosperität (so wie sie damals herrschte, und wie sie meiner bescheidenen Ansicht nach zuerst dort wieder einkehren wird), Prosperität, das heißt im Verhältnis zu Europa die dreifach erhöhten Löhne und auf ein Bruchteil reduzierten Warenpreise, – sie beruht auf ganz andern Faktoren als Bodenschätzen und dünner Bevölkerungsschicht. Bodenschätze gibt es vielleicht noch mehr in Rußland, in Afrika, und dazu alle Grade von Bevölkerungsdichten. Der Grund für die Prosperität der Vereinigten Staaten liegt in der Organisation der Arbeit, und diese wurde in Amerika erst ermöglicht durch die – Vereinigung der Staaten.

Zur Massenproduktion gehören nämlich auch Massenabsatzgebiete. Mit der billigen Produktion durch die Arbeitsteilung allein ist es ja noch nicht getan, man muß den Gegenstand auch billig an den Konsumenten verkaufen können. Durch die Vereinigung von 48 Staaten hat der amerikanische Fabrikant die Gewähr, daß seine Bemühung um weitere Rationalisierung mit Hilfe kostspieliger Spezialmaschinen im ganzen Bereiche der 48 Staaten sich auch voll auswirkt und bezahlt macht. Innerhalb dieser 48 Staaten gibt es keine Grenzen, keine Einfuhrverbote, keinen unlautern Wettbewerb mit Hilfe von Ausfuhrprämien und Einfuhrzöllen, keine Grenzwachen, keine Festungen, keine Kriege, keine Kriegssteuern; und das um 260 Dollar hergestellte Automobil kann um diesen Preis in allen 48 Staaten auch wirklich verkauft werden.

In Europa lagen die Voraussetzungen für die Rationalisierung wesentlich anders. Die europäischen Industriestaaten konnten natürlich mit ihren alten Fabriksausrüstungen der amerikanischen Konkurrenz auf dem Weltmarkte nicht standhalten und haben nach dem Kriege angefangen, um die Wette zu rationalisieren. Das bedeutet Milliardenausgaben. Das ist ein großer Teil jener kurzund langfristigen Kredite, von denen wir in den letzten Jahren so viel gelesen haben, und an denen Europa bankrott gegangen ist. Daran ist aber nicht das Prinzip der Rationalisierung schuld, sondern nur die enge europäische Mentalität, der politische Hader und Neid, der Mißbrauch des Begriffes „Patriotismus“, welcher das ganze europäische wirtschaftliche und politische Chaos verursacht. Religion und Patriotismus gehören zu den heiligsten Gefühlskategorien, und es ist ebenso widerlich wie unsinnig, wenn man sieht, wie der Im- oder Export von Schweinespeck oder Mülleimern mit dem Begriff von Vaterlandsliebe durcheinandergebracht wird. Diese Dinge haben ebensowenig mit Patriotismus zu tun wie etwa die Inquisition und die Religionskriege mit wahrer Religion etwas zu tun hatten. Für uns Deutsche, Franzosen, Polen und wie wir alle heißen, gibt es ja gegenwärtig nichts Niederträchtigeres, Gemeineres, als wenn ein Nachbar zum andern kommt, um ihm etwas billiger zu verkaufen als es der Andere selbst herstellen kann. Das kommt als Charakterzug ungefähr gleich nach Stehlen und Morden in Europa. Und die Verfolgung solcher gemeingefährlichen Verbrechen wie das Angebot billiger Waren wird ja auch mit noch wirkungsvolleren Mitteln betrieben. Ein Verbrecher mag noch durch Gefängnismauern leichter durchschlüpfen als billige Ware durch europäische Zollmauern. Und das nennt man dann Industrieschutz und tut überrascht und jammert, wenn der Nachbar sich durch höheren Agrarschutz rächt. Das Resultat ist, daß man in Agrarländern an seinen Landesprodukten erstickt und dafür schlechtere und teurere Industrieartikel hat, und in Industrieländern herrscht das gleiche Verhältnis umgekehrt zu Agrarprodukten, also man könnte sagen wissentlich betriebene gegenseitige Zerstörung der Landesproduktion, die man zu schützen vorgibt. Es drängt sich einem die Frage auf, ob die hierfür verantwortlichen Parteipolitiker sich je über die elementarste Tatsache klar geworden sind, daß der Besitz auch des kostbarsten Objektes, z. B. des gesamten Weizenbodens der Welt, noch keinen Reichtum darstellt und vollkommen wertlos wäre, wenn man die Welternte nicht z. B. gegen ein Paar Schuhe vertauschen dürfte, daß somit Vertauschbarkeit, d. H. Verkäuflichkeit von Besitz erst den Reichtum darstellt? Über diese Binsenwahrheit können noch so hochtönende Phrasen über Stärkung des Binnenmarktes nicht hinweghelfen.

So mußten denn nun die Wirkungen der europäischen Rationalisierung denen der damaligen amerikanischen völlig entgegengesetzt sein. Die Vereinigten Staaten sind (1928) mit 83 Prozent an der Welt-Auto-Produktion beteiligt, Europa nur mit 12 Prozent. Trotzdem besitzt Amerika nur 152 Automobilfabriken, Europa dagegen 333. Dafür erzeugt Amerika im Durchschnitt 28 675 Wagen pro Jahr und Fabrik, Europa nur 1792! Amerika hat bloß 3 Volkswagen: Ford, Chevrolet und Overland. Europa mit nur 12 Prozent der gesamten Autoproduktion hat dagegen über ein Dutzend Volksautofabriken, also 11 überflüssige, mit all der dadurch hervorgerufenen Produktionsteuerung und Kapitalverschwendung. Dadurch ist schon der Preis im europäischen Erzeugungslande bedeutend höher, im Nachbarlande mit Zollaufschlag meistens 1½ bis 3 mal so hoch wie der gleiche Wagen in Amerika. Aber diese Lohn- und Preisberechnung in Gold ist eigentlich eine irreführende. Die richtige Rechnung ergibt sich erst aus dem Verhältnis des Preises zum Lohne. Wenn z. B. ein europäischer Arbeiter mit seinem durchschnittlichen Tageslohn sich ein Fordauto oder einen Citroen oder Fiat kaufen wollte, so müßte er über 2 Jahre Arbeitslohn dafür hergeben, der Amerikaner aber nur 3½ Monate. Demnach ist der amerikanische Arbeiter, hauptsächlich dank der Rationalisierung, fast 8 mal reicher geworden als der europäische. Dazu kommen in Europa etwa 100–150 Dollar Autosteuer und hohe Benzinverbrauchssteuern, in Amerika nur 10 bis 15 Dollar Autosteuer und fast völlige Benzinsteuerfreiheit, also ist er eigentlich 10–12 mal kaufkräftiger.

In Europa dagegen wurde die Gefahr, daß der böse Nachbar jetzt dank der Rationalisierung billiger liefern könnte, durch noch höhere Zollmauern wettgemacht, und auch im Innern der europäischen Länder wurde die verbilligte Produktionsmethode durch um so höhere Steuern ausgeglichen. Eine Rationalisierung jedoch, die ihr Ziel, nämlich höhere Produktion bei niedrigeren Preisen, aber gleichen oder sogar vermehrten Arbeitskräften, nicht erreicht, sondern nur die gleiche Produktion bei gleichen Preisen mit weniger Arbeitskräften, mußte zur Arbeitslosigkeitführen, und diese hatte Schrumpfung der Kaufkraft, Betriebseinstellungen, Bankrotterklärungen der Arbeitslosenfürsorge und im weiteren Verlauf die Staatsbankrotte der letzten Zeit zur Folge.

So hat nationalistische Verblendung und parteipolitische Verbohrtheit in Europa die sozialen Wohltaten der Rationalisierung in einen Fluch verwandelt, der sich in einem völligen Zusammenbruch auswirkte. Auf den naheliegenden Einwand, daß auch Amerika von der Krise nicht verschont wurde, möchte ich folgendes erwidern: Mit der Gegenüberstellung Amerika–Europa sollte nur die durch fast ein Jahrhundert bewährte Überlegenheit eines Systems äußerster Arbeitsteilung in einem Großwirtschaftsraum über Zwergwirtschaftssysteme in Zeiten relativ gleicher Prosperität beider Systeme bewiesen und die entgegengesetzten Wirkungen der Rationalisierung auf beide Systeme beleuchtet werden. Und diese Tatsache wird durch die Ansteckung Amerikas mit dem Krisenbazillus nicht erschüttert. Im Gegenteil, sie beweist nur, daß die Gesetze nationaler Reziprozität, die die europäischen Regierungen durch nationalistische Repressalien glaubten ersetzen zu können, auch im Verkehr zwischen Kontinenten nicht ungestraft verletzt werden dürfen. Und in dieser Hinsicht ist Amerika hinter Europa nicht sehr weit zurückgeblieben, als es auf der Rückzahlung der europäischen Schulden bestand, zugleich aber durch eine maßlose Erhöhung seiner Zollschranken deren Tilgung durch europäische Warenlieferung unmöglich machte; als es seine Massenproduktion auf etwa 10–15 Prozent über den Eigenbedarf einrichtete, den Export dieses Überschusses aber durch Drosselung des europäischen Importes selbst hinderte. Der augenblickliche trostlose Zustand Amerikas liefert den Beweis, daß sogar die Wirtschaft eines Erdteils wie Nordamerika trotz seiner schier unerschöpflichen Hilfsquellen an Rohstoffen und geschultem Menschenmaterial keine Absonderung von der Welt ertragen kann.

Wie man angesichts einer solchen Lage, wo durch künstliche Verteuerung aller Preise und Verhinderung des gesamten Handels und Verkehrs 20 Millionen Europäer arbeits-, brot- und obdachlos, die übrigen 380 Millionen notleidend geworden sind, von Überproduktion reden kann, ist mir unerfindlich. Das ist ungefähr so, als wenn ich durch falsche Regierungsmaßnahmen gezwungen wäre, 30 Mark pro Karte für meine Konzerte zu nehmen, und mich dann bei einem natürlich unausbleiblich leeren Saal über die Unmusikalität des Publikums oder über musikalische Überproduktion beklagen würde. Es gibt keine Überproduktion, es gibt nur Unterkonsum! Und dieser beruht, wie wir gesehen haben, in seinen ersten Ursachen auf nationalpolitischen Motiven, die erst zu den eben hier erörterten nationalökonomischen Konsequenzen geführt haben.

Damit wären wir also bei der Politik angelangt. Das europäische Konzert hat sich zu einer Kakophonie entwickelt. Es ist ein Lügengewebe, wie es die Welt in solcher Vollkommenheit kaum vorher gesehen hat. Ich weiß nicht, wo mit den Widersprüchen, Hypokrisien anfangen. Patriotismus Pazifismus, europäisches Solidaritätsgefühl, Kulturgemeinschaft, Christentum, konservative oder liberale Weltanschauung, Freiheit, alle diese echten Gefühle gutgläubiger Massen werden heute von den Staaten Europas zur Heuchelei verzerrt, um der Verschleierung ganz anderer Ziele zu dienen. Mit besonderer Vorliebe wird z. B. von der Erbfeindschaft mancher Völker gegeneinander als Kriegsgrund gesprochen. Noch nie wurde eine infamere Lüge aufgestellt. Ein Wort macht sie zunichte: die Umgruppierung der Kriegsgegner und Verbündeten bei fast jedem neuen Kriege. Unentwegt wechseln die Allianzen, die Verbündeten von heute sind die Gegner von morgen, je nachdem es ihnen ihre wirklichen oder vermeintlichen Interessen diktieren. Es mag Völkerantipathien oder –sympathien geben, aber noch nie haben solche allein zu Kriegen oder zu Alliancen geführt. Nicht der Erbhaß führt zu Kriegen, sondern der Krieg führt naturgemäß zum Haß, der aber den Generalstäben und Außenministerien als Stimulanz zu Heldentaten so wenig verläßlich erscheint, daß sie erst richtige Vergiftungs- und Verleumdungsfabriken glauben schaffen zu müssen, die sie Propagandazentralen benennen, um mit ihrer Hilfe die Völker leichter als Kanonenfutter gebrauchen zu können. Aber selbst dann hat der Haß noch so kurze Beine, daß er menschliche Beziehungen zwischen den feindlichen Schützengräben, enge Herzensbande zwischen der Okkupationsarmee und der feindlichen Bevölkerung nicht hindern kann...

Es handelt sich also um Interessen und nicht um Gefühle bei der Entscheidung über Krieg und Frieden. Und die Interessen werden nicht von Volksoder Rassefragen diktiert, sondern durch Machtfragen, die natürlich erst durch Grenzziehung zwischen den Staaten entstehen. Zum Beispiel haben sich die Deutschen und Franzosen – durch Staatsgrenzen getrennt – im Laufe der Jahrhunderte in wechselnder Gruppierung bekämpft. Dieselben Völkerschaften – im Schweizer Staat innerhalb einer Grenze vereinigt – vertragen sich seit ebensovielen Jahrhunderten friedlich. Und die durch Staatsgrenzen getrennten Bayern, Hannoveraner, Österreicher, Preußen usw. ebenso wie der Neapolitaner, Savoyarden usw., sie alle fanden es bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein genau so natürlich, trotz Stammesbruderschaft gegeneinander zu kämpfen, wie sie seit Errichtung des gemeinsamen deutschen Reiches bzw. italienischen Königsteiches die Zumutung zu einem Krieg untereinander als Landesverrat brandmarken würden. Man sage mir nicht, daß ich hier mit dialektischer Spitzfindigkeit die Ursache mit der Wirkung verwechsle. Es sind die Grenzen gewesen. Im Weltkrieg haben wieder Deutsche gegen Deutsche gekämpft, durch nichts anderes getrennt als durch Staatsgrenzen. Ich meine damit die Deutschbalten innerhalb des Russischen Reiches. Ebenso kann ich auch das kriegerische Verhalten der Polen gegeneinander in den drei Kaiserreichen während des Weltkrieges zum Beweise meiner These anführen, oder das der Kroaten gegen die Serben. Man versuche die Grenzen zwischen allen diesen Stammesbrüdern wieder aufzurichten, und sie werden bei gegebener Gelegenheit skrupellos wieder übereinander herfallen, so wie es alle Menschen, seitdem die Welt besteht, getan haben, und zwar nur nach Maßgabe der sie trennenden Grenzen Mann gegen Mann, Dorf gegen Dorf, Stadt gegen Stadt (beispielsweise die italienischen Städterepubliken), Staat gegen Staat, Staatengruppe gegen Staatengruppe. Und so sage ich: Schaffet die politischen Grenzen zwischen Deutschland, Polen, Frankreich, Italien usw. ab, und es wird sich auch zwischen ihnen der psychologische Prozeß der Suggestivwirkung entwickeln, die von einer gemeinsamen Staatlichkeit ausgeht. Und manches europäische Problem, das heute ohne Krieg unlösbar erscheint, dessen kriegerische Lösung aber auch nur ein Unrecht durch ein anderes ersetzen könnte, wird sich von selbst auflösen, wenn die heutigen politischen Grenzen zu der Bedeutungslosigkeit lokaler Verwaltungsbezirksgrenzen herabsinken, ebenso wie die heute noch vorhandenen deutschen Enklaven und Korridore, einstmals Ursache und Objekt schwerster Konflikte, mit der gemeinsamen Reichsgrenze von 1870 machtpolitisch gegenstandslos geworden sind.

Wenn es schon seit jeher die Grenzen waren, in deren Natur es lag, Reibungen zwischen den Nachbarn hervorzurufen, so mußte sich die friedenstörende Wirkung der Grenzen im 19. Jahrhundert katastrophal steigern: Es gibt kein objektives Kriterium für die Gerechtigkeit der Grenzziehung. Die zur Hauptsache auf Grund des dynastischen Hausmachtsprinzips zustande gekommenen Staatsgrenzen mußten die erwachenden Nationen und Rassen in einer politisch, sozial und ökonomische veränderten Welt mit Unzufriedenheit erfüllen, und sie versuchten ihren Forderungen nach Grenzregulierung ethnographische, geographische, wirtschaftliche, strategische oder historische Rechte zugrunde zu legen. Und da der liebe Herrgott die Völkerwanderung anders leitete als die Berg- und Flußbildungen, die Eheschließungen der früheren Herrscher, aus denen Staatenbildungen hervorgingen, durchaus unabhängig etwa von dem Vorkommen von Erz- und Kohlengruben gestaltete, so kann es gar keine wirklich gerechten Grenzen in Europa geben, es wird immer das eine oder andere Prinzip vergewaltigt werden.

Es war durchaus logisch und natürlich, daß die Staaten ihre Streitigkeiten mit der Waffe in der Hand auszutragen versuchten, solange die Kriege noch Aussicht auf einen Sieg hatten; solange der Sieg wenigstens für die paar hundert oder tausend Familien, die die regierende Kaste eines Landes ausmachten, Reichtum, Glanz und Ehre bedeutete; solange gerade diese Familien, die also aus dem Krieg im Siegesfalle bestimmt, bei einer Niederlage manchmal auch noch Vorteil zogen, auch über Krieg und Frieden zu entscheiden hatten; solange ein Reich um so mächtiger und reicher sein konnte, je ärmer sein Nachbar war; solange die Völker ungebildet und rechtlos waren und keinen Einblick in ihre wahren Interessen hatten. In den letzten Jahrzehnten, aber insbesondere seit dem Schluß des Weltkrieges und den Lehren, die er uns gebracht hat, ist jede einzelne der von mir eben aufgezählten Voraussetzungen für Rechtfertigung europäischer Kriege verschwunden: Die Kriegstechnik hat sich selbst ad absurdum geführt, es gibt heute keine Sieger mehr sonder nur Besiegte verschiedener Grade, und beim nächsten Krieg wird es nicht einmal mehr Besiegte geben sondern nur Leichenfelder und Schutthaufen; der reine Machtnimbus, so unentbehrlich als Gloriole und Begründung des monarchischen erblichen Gottesgnadentums, verliert seine Logik, wenn angewendet auf republikanische Demokratien; die Wohlfahrt eines Landes beruht heute nicht auf nationaler Wirtschaftsführung, die sich um andere Länder nicht zu kümmern brauchte, sondern sie hat zur Voraussetzung zwischenstaatliche Arbeitsteilung und auch überstaatlichen Absatz der so erzeugten Massengüter; mit der Vernichtung des militärischen Gegners würde man zugleich den besten Kunden und den im zwischenstaatlichen Gütererzeugungsprozeß unentbehrlichen Arbeitsteilungspartner vernichten; die Völker haben ihren politischen Schlaf abgeschüttelt und halten die Entscheidung über Krieg und Frieden durch ihr Stimmrecht selbst in der Hand. Trotzdem lassen es ihre Vertreter in den europäischen Parlamenten zu, daß die Regierungen miteinander nach den alten diplomatischen Methoden verkehren, welche die Völker um die letzten Ziele ihrer politischen Kämpfe betrügen. Die europäischen Völker haben endlich zwar ihre politische Freiheit erlangt, aber das was diese Freiheit erst zum Bewußtsein ihres wahren Wertes bringt, nämlich die Teilnahme an den Kulturgütern durch Befreiung von den ökonomischen Sklavenketten, das wird ihnen noch immer vorenthalten. Mit den ökonomischen Sklavenketten meine ich die Armut, das Elend unserer Fabrikarbeiter, Bauern, kleineren und mittleren Angestellten usw., ihre nackte Lebensfristung, für die einzig und allein unsere Regierungen Schuld tragen, und zwar dadurch, daß sie das heute sinnlos gewordene europäische Kleinstaatensystem eigensinnig aufrechterhalten. In Auswirkung dieser Politik machen sie unsere Kulturgüter dem weitaus größten Teil der Europäer unzugänglich. – Bevor ich auf das europäische Kulturproblem als solches zurückkomme, möchte ich noch ein Problem unserer Armut streifen, nämlich den Klassenkampf. Man muß es offen aussprechen, sein geistiger Nährboden, der Kommunismus, ist eine Idee, die vielen als eine große erscheint, besonders denjenigen, die nichts zu verlieren haben; und unsere europäische Politik hat es so weit gebracht, daß immer zahlreicher die Menschen werden, die nichts mehr zu verlieren haben. Die Idee des Kommunismus kann man ebensowenig wie irgendeine andere Idee mit Gefängnis ausrotten, man kann sie nur mit einer noch größeren Idee bekämpfen. Diese größere Idee heißt: Paneuropa! Die soziale Auswirkung Paneuropas, so wie sie sich aus den früher erörterten Möglichkeiten der Massenproduktion, d. h. der höheren Löhne und niedrigeren Preise ergibt, wird automatisch zugleich das Problem des Klassenkampfes lösen. Bevor wir eine gerechtere Güterverteilung fordern, müssen wir für eine genügende Güterproduktion sorgen. Dieses Ziel kann Europa nur auf dem Wege der föderativen Einrichtung seiner Politik und der kapitalistischen Entwicklung seiner Wirtschaft erreichen. Ja, ich habe mich hier nicht versprochen: Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaftsform! Bisher haben wir nämlich in Europa noch keinen reinen Kapitalismus gehabt. Diejenigen, die heute behaupten, daß sich das kapitalistische Wirtschaftssystem überlebt hat, das sind politische oder ökonomische Diagnostiker, die das Sterben eines Greises von der vielleicht uns winkenden Geburt eines Babys nicht unterscheiden können. Vielleicht aber droht uns eine Totgeburt, wenn man noch lange die bisherigen Hebammen am Krankenbett der Europa herumdoktern läßt. Vorläufig ist aber das von vielen Propheten bereits totgesagte, von anderen mit Gefühlen des Heils begrüßte Baby Kapitalismus noch nicht einmal ausgetragen.

Ich bestreite, daß zum Wesen des modernen Kapitalismus ein ewiger Turnus von etwa 40 Jahren Kriegsvorbereitung, die man fälschlich Frieden nennt, und 30 Jahren Kriegszustand gehört. (Der Weltkrieg war nämlich ein 30jähriger Krieg, in 4 Jahren ausgefochten!) – Zum Kapitalismus gehört doch wohl in erster Linie – Kapital, und daherist es der größte Widersinn, wenn man ein System als kapitalistisch bezeichnet, welches nur ein Ziel kennt: Krieg und Kriegsvorbereitung, d. h. Kapitalzerstörung und Verhinderung neuer Kapitalbildung. Was wir erleben, das sind Nachwehen des europäischen Dynastinismus und Ausgeburten des kleinbürgerlichen nationalen Chauvinismus, vermischt mit einem Vorgeschmack des Sozialismus. Und die erste Heldentat, die ich mir von dem reinkapitalistischen Baby Herkules erwarte, ist, daß es gleich nach seiner Geburt der chauvinistischen europäischen Hydra alle Köpfe abschlägt.

Von der Sprache des Bildes in die Sprache des Wortes übersetzt, bedeutet es, daß ich die von nationalistischen Irrlehren befreite Wirtschaft Europas als Basis für Paneuropa ansehe, und daß ich von dem wirtschaftlichen Riesenraum „Paneuropa“ die Befriedigung der gerechten Ansprüche der geistigen und Handarbeiter auf ein Mindestmaß von Hygiene, Bildung, Kultur, Komfort, aber auch Kunst und Vergnügen erwarte. Nur damit wäre die todfeindliche Spaltung Europas in zwei Lager: die der Bürger und der Proletarier, vermeiden. Wenn man also konsequent sein will, so muß man zugeben, daß der Versöhnung der Klassen die Verbrüderung und Föderation der Völker in Europa vorangehen muß, weil erst diese die politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen schaffen kann, die zur Erhöhung des Lebensstandards der mit Recht verbitterten Volksmassen in Europa führen sollen.

Diese Warnung möchte ich in vollem Bewußtsein meiner Verantwortlichkeit hier wie bei jeder gegebenen Gelegenheit in Europa ausrufen: Entweder es gelingt, die Proletarier zum bürgerlichen Lebensstandard emporzuheben, oder man muß gewärtig sein, daß sie die Bürger zu dem ihrigen herunterzerren werden wie in Rußland. Ich spreche hier nicht Hoffnungen, Theorien oder doktrinäre Deduktionen aus. Hier spreche ich gerade von unerschütterlichen Tatsachen: Amerika, das Land mit der zahlreichsten Arbeiterbevölkerung, war bis zum Ausbruch der Weltkrise das einzige Industrieland der Welt, in dem es keine politische Arbeiterpartei gab. Die meisten Arbeiter – darunter auch geistige wie z. B. Musiker – sind in trade unions auf das mächtigste organisiert und errangen sich mit deren Hilfe ihren hohen Lebensstandard. Aber auch die wütendsten Lohnkämpfe vermochten sie nicht politisch von dem Rest der bürgerlichen Gesellschaft zu trennen, als deren vollwertige Mitglieder sie sich mit Recht fühlen. Ob freilich die katastrophale Störung des internationalen Güteraustausches und das damit auch für Amerika verbundene allgemeine Elend nicht doch zur Bildung einer kommunistischen Partei durch die Arbeitslosen in U.S.A. führen wird, das ist nicht vorauszusehen, würde aber auch zutreffendenfalls nicht die Geltung der These erschüttern, daß nur Prosperität den Kommunismus besiegen kann.

Hier glaube ich Widerstände mancher Leser zu spüren: Man solle nicht Amerika hierher verpflanzen und Prosperität mit Oberflächlichkeit, Frieden mit Heldenlosigkeit, Zivilisation mit Kulturlosigkeit erkaufen. Alle diese Dinge vermutet man in Amerika. So denken wenigstens 99 von 100 Europäern, die 99, die in Amerika nicht waren, gegen den Einen, der in Amerika war und gewöhnlich als ein geläuterter, einsichtigerer Mensch zurückgekommen ist. Ich z. B. bestrebe mich seit meiner Rückkehr aus Amerika, dem Gebot der uramerikanischen Ethik zu folgen: „Give everybody a chance!“ Daher bin ich ein abgeschworener Feind unserer europäischen Usancen, die man formulieren kann mit: „Take everybody’s chance“. Aber ich kann meinen europäischen Landsleuten trotzdem im Vertrauen verraten: bei all meiner objektiven Einschätzung Amerikas möchte ich doch durchaus nicht Amerika nach Europa verpflanzen. Eine solche Gefahr besteht jedoch für Paneuropa keineswegs. Das was von der Kritik an den amerikanischen Zuständen nach Abzug der temporären Erscheinungen durch die Weltkrise und der Ausbreitung des Verbrecherterrors durch die hoffentlich bald verschwindende Prohibition zu Recht bestehen bleibt, das kommt ja weder von der Föderation noch von der Massenproduktion, noch von dem bisherigen Wohlstand der Massen, es erklärt sich einfach aus der Jugend der Nation, aus dem Mangel an Tradition, aus dem Zwang zur Pionierarbeit auf allen Gebieten. Es werden sich auch in Südafrika, in Australien oder Südamerika keine Raphaels, Beethovens oder Goethes finden. Und da lobe ich mir wenigstens den Genius eines Landes wie Nordamerika, der es in 100 Jahren (die ersten 300 zählen kaum) zuwege gebracht hat, daß dieses Land sich die Kulturerzeugnisse älterer Nationen in einer Weise anzueignen vermag, für die man höchstens ein Beispiel in der Geschichte findet: Rom im Verhältnis zu Griechenland. Wie das römische Schwert griechische Philosophen versklavte, so entführt allmählich der amerikanische Dollar unsere besten Lehrer, Musiker, Architekten usw., und mit ihrer Hilfe entsteht eine neue, autochtone amerikanische Kultur.

Paneuropa will nicht amerikanische Zustände in Europa einführen. Es will im Gegenteil durch Übernahme des Besten aus Amerika, nämlich der Bundesverfassung, der Massenproduktion mit dem Massenmarket, den hohen Löhnen und niedrigen Warenpreisen unsere Kulturträger und Kunstschätze vor den Lockungen des Dollars bewahren. Aber durch Hebung unseres Lebensstandards wird noch immer unsere vieltausendjährige Geschichte nicht zu einer vierhundertjährigen, unsere Volks- und Heldenlieder werden nicht durch Jazz und Negro-songs ersetzt (wenigstens nicht mehr als sie es jetzt schon sind), und unsere Persönlichkeit, wie sie sich aus der Vielfältigkeit der Nationen ergibt, wird keineswegs in dem Mischmasch eines europäischen Schmelztiegels untergehen.

Die europäischen Nationen werden uns auch in Paneuropa erhalten bleiben; nein, sie werden sich dann erst frei entfalten können, wenn sie erst einmal von der Gefahr befreist sind, daß die Verteidigung ihrer Interessen als Vorwände für ganz andere als wirklich nationale Zwecke mißbraucht wird. – Als Künstler wäre ich auch der letzte, eine Nivellierung der nationalen Kulturen zu predigen. Den alle echte Kunst wurzelt letzten Endes im nationalen Boden.

Das Schlagwort „Die Kunst ist international“ muß in seiner oft mißbräuchlichen Geltung eingeschränkt werden. International ist die Kunst nur in dem Sinne, daß sie für den internationalen geistigen Konsum, für wechselseitige Anregung bestimmt ist. Ebenso jedoch wie das Vorkommen des Kaviars auf einem Neuyorker Menü noch nicht bedeutet, daß der Stör in der Hudsonmündung geradeso gut gedeihen kann wie in der Wolga- und Donaumündung, ebensowenig kann z. B. das noch so häufige Erscheinen der „Meistersinger“ auf dem Repertoire der Pariser Oper oder Chopins auf deutschen Konzertprogrammen darüber hinwegtäuschen, daß ein Richard Wagner allein aus deutschem Wesen, Chopin nur aus polnischem Wesen hervorgehen konnte, wenn auch dieses nationale Wesen seinerseits ebenso wie dessen Vertreter das Ergebnis mancher rassischer Okulierung und gegenseitiger Befruchtungen darstellen.

Wenn der Künstler die Fähigkeit zu seinem Schaffen seiner persönlichen Begabung verdankt, die natürlich national unbegrenzt ist, so dankt er den Weg, den diese Begabung nimmt, den tausendfältigen Einflüssen seiner Umgebung. Das gilt für die Künste im allgemeinen. Für die Musik im besonderen kommen noch drei wichtige, geographisch und national stark unterschiedliche Faktoren hinzu: Volkslieder, Tanzrhythmen und liturgische Einflüsse. Damit soll keineswegs etwa den Rassenschützlern für die Domäne der Kultur das Wort geredet, und z. B. der unermeßliche musikalische Schatz, der für die Menschheit gerade aus der Rassenmischung der Österreicher und Russen entstanden ist, in seinem unvergleichlichen Wert herabgesetzt werden. Es stellt nur das Liebesbekenntnis eines Europäers zur Heimat dar, das Gelöbnis zur Wahrung der regionalen Physiognomien in Europa und gegen die gerade von den Nationalisten so beliebte Verfälschung des kulturellen genius loci.

Nach alledem könnte man versucht sein anzunehmen, daß die Forderungen der Geisteskultur mit den Forderungen der Wirtschaft in einem Interessenkonlfikt stehen: hier nationale Gliederung als Material bereicherung für das Mosaik der europäischen Künste, dort das Streben nach Nivellierung, Standardisierung über die Landesgrenzen hinaus. Bei näherer Betrachtung stellt sich jedoch dieser Gegensatz nur als ein scheinbarer heraus. Die kulturellen Grenzen waren schon bisher nicht identisch mit ökonomischen, und durch die Aufhebung letzterer werden die kulturellen Unterschiede keineswegs verwischt. Zum Beweise genügt es, einige wenige Beispiele aus der Kulturgeschichte anzuführen: Gibt es etwas deutscheres als die Schweizer Gottfried Keller, Konrad Ferdinand Meyer, Böcklin, Stauffer-Bern, etwas französischeres als die gleichfalls schweizerischen Jean Jacques Rosseau, Benjamin Constant, Madame Staël, Jacques Dalcroze, Honegger? Gibt es etwas im besten Sinne deutscheres als den Geist der Deutschbalten, so wie er sich in allgemeiner Bildung, in Architektur, Wissenschaft und Kunst in den früheren baltischen Provinzen Rußlands äußerte? Wenn ich auch das kulturell ganz zu Skandinavien gehörige Finnland für meine Argumente kaum in Anspruch nehmen kann, weil es trotz der Oberherrschaft Rußlands durch eine offizielle Grenze von demselben getrennt war, so kann ich hier mit um so größerem Recht auf Polen hinweisen: Zwei von den drei Teilen wurden nicht nur politisch, sondern auch und vor allem kulturell auf Schritt und Tritt in ihrer Entwicklung gehemmt und verfolgt, ja sogar im freien Gebrauch ihrer Muttersprache und in der Ausübung ihrer Religion gehindert. Und was war nach 150 Jahren das Resultat? Eine gerade kulturell ganz ungebrochene, homogene Nation, die auf der Geistespalette der europäischen Völker sich ihre eigene Farbe unvermischt erhalten hat.

Wenn man bedenkt, daß es sich bei den angegebenen Beispielen, mit Ausnahme der Schweiz, um unterjochte und in ihrer kulturellen Entwicklung künstlich gehemmte Nationalitäten handelt, so kann kein Zweifel darüber bestehen, daß bei einer freiwilligen Vereinigung der Völker ihre kulturelle Integrität erst recht gewahrt bliebe. Überdies stünde der Aufnahme von besonderen kulturellen Sicherheitskautelen in die Verfassungen der einzelnen Bundesstaaten – nach dem Vorbild der Schweizer Verfassung – nichts im Wege. Daß dieselben, jedes geheimen imperialistischen Vor- resp. Nachteils beraubt, ehrlicher beobachtet würden als die Minoritätsgesetze des Versailler Vertrages, liegt auf der Hand.

Von der produktiven Seite betrachtet, wären demnach unsere nationalen Kulturen durch die Föderation Europas nicht nur nicht gefährdet, sie würden in ihrer freien Entfaltung geradezu gefördert werden. Soweit die Kultur als Schöpfungsakt. –

Das nicht minder lebenswichtige Problem der Kulturvermittlung an die Volksgemeinschaft würde überhaupt erst im Bundesstaat Europa einer Vollwertigen Lösung zugeführt werden können. In dieser Hinsicht hat die europäische Kultur seit jeher unter einem tragischen Paradoxon gelitten: Ihre Quellen entspringen der Vielfältigkeit der europäischen Nationen. Dieser Vielfältigkeit verdanken wir die Neunte Symphonie, den Faust, die Sixtinische Madonna, die Chopinschen Balladen, usw. Diese aus der Tiefe des Menschenherzens heraus geschaffenen Meisterwerke, von denen jedes einen Niederschlag des Edelsten der Nation und nur der einen Nation darstellt, sie sind für die ganze Menschheit bestimmt. Es gibt auf dieser Erde keine Werte an sich, sie entstehen erst in Verbindung mit der Zweckbestimmung: Mensch. Auch die heiligsten Begriffe Gott, Religion, Vaterland, Kultur erhalten erst ihren Sinn in dem Maße, als sie zur Erlösung des Menschen beitragen und verwandeln sich in einen Fluch, sobald sie in Gegensatz zum Menschen treten. So war die Botschaft von dem Gottessohn, der sich für die Menschheit kreuzigen ließ, das Erschütterndste und Hehrste, was das Menschenherz in seiner Not erschuf, – das Gottesopfer zur Erlösung des Menschen; dagegen eine teuflische Lästerung die Menschenopfer, die zur Ehre Gottes dargebracht wurden.

Nicht anders verhält es sich mit unserer Kultur. Nach dem Ethos ihrer Schöpfer soll sie der Menschheit dienen; aber bei der bisherigen politischen Struktur Europas war die Quelle ihres Reichtums – die Vielheit der Nationen – zugleich die Ursache, daß nur ein Bruchteil aller Europäer unserer Kultur teilhaftig werden konnte. Immer wieder er lebt man es in Europa: Dieser Hamlet, diese Neunte Symphonie versammelt um sich nicht alle ihrer würdigen und bedürftigen Zuhörer, sondern nur jenes kleine Häuflein, das bei dem periodisch wiederkehrenden Zusammenprall der europäischen Völker dank einem glücklichen Zufall dem wirtschaftlichen Ruin entgangen ist. Eine Kultur, die zu ihrer Voraussetzung sich gegenseitig zerfleischende Nationen hat, infolgedessen 99 von 100 Europäern unzugänglich ist und daher eine reine Klassenkultur bleibt, eine solche Kultur ist ein blutiger Hohn und mag getrost zugrundegehen. Dieses Urteil wäre irrevokabel, wenn diejenigen recht behielten, die an die Friedlichkeit von Nationen ebensowenig glauben wie an die Zähmung wilder Bestien. „Kampf ist ein ewiges Naturgesetz!“ sagen sie. Ja, gewiß, Kampf ist ein Naturgesetz, sagen wir Paneuropäer auch, aber seine primitivste Form, die Vernichtung, das ist kein Naturgesetz. Der nackte Sexualtrieb z. B. ist auch ein Naturgesetz, und doch haben ihn die Menschen im Laufe von Jahrtausenden zum Gefühl der Liebe sublimiert. Und so ist es den Menschen mit allen Naturtrieben ergangen, den Kampf von Mensch zu Mensch schließlich inbegriffen.

Ich muß dabei an eine Episode aus dem Musikleben denken: 2 berühmte Geiger, befreundete Kollegen, treffen sich in einer Hauptstadt Europas und entdecken zu ihrem Ärger, daß ihre Konzerte an gleichen Abenden stattfinden und von ihren sich befehdenden Impresarii als schärfste Konkurrenzunternehmungen gegeneinander ausgespielt werden. Im Gegensatz zu Apollo, der im Sinne der Lehre vom Kampf als Naturtrieb den Flötenspieler Marsyas aus Neid über seine Kunst erschlug, spielte dieser moderne Wettkampf im Geigen sich – spielend ab. Am liebsten hätten sie ihre Konzerte zu gemeinsamen Duettabenden vereinigt, aber ihre Impresarii wollten nicht.

Das ist gar kein schlechtes Gleichnis für die heutige Lage der europäischen Völker. Die Mehrzahl unter ihnen möchte in Frieden gelassen werden und sich zur gemeinsamen Arbeit auf allen Gebieten menschlicher Betätigung vereinigen. Da würden sie dem „Naturgesetz vom Kampf“ im friedlichen Wettbewerb folgen. Aber auch ihre Impresarii wollen nicht! Warum? Das dynastisch-feudalistische Prinzip wurde in Europa durch den Mechanismus der Parteiherrschaft ersetzt. Die Parteien sind in vielen Ländern trotz des gleichen Wahlrechtes keine Vertreter des Volkes, sondern oft nur Exponenten bestimmter, aus dem jetzigen politischen Zustand hervorgegangener Interessen. Dieser politische Zustand wurde durch die seit Anfang des 19. Jahrhunderts in Europa allmählich zur Herrschaft, mindestens zur Mitherrschaft gelangte Bourgeoisie verursacht. Nach dem Vorbild aller früheren Herrschaftskasten in der Menschheitsgeschichte (z. B. der theokratischen, monarchischen, feudalen) hätte auch der nunmehr regierende Bürgerstand zunächst seine eigenen materiellen Klasseninteressen klar erkennen müssen, um sie alsdann, verbrämt mit mehr oder weniger ehrlich gemeinten altruistischen Idealismen, rücksichtslos zur Maxime seiner Staatspolitik zu erheben. Die Bourgeoisie war der Inhaber des gesamten Produktions- und Handelsapparates, der Führer in Kunst und Wissenschaft. Ihr Standesinteresse hätte folglich eine Politik des rüstungslosen Friedens und ungehemmten materiellen und geistigen Güteraustausches zwischen den Nationen ebenso gefordert, wie z. B. das persönliche Interesse der in ihrer Souveränität, Finanzgebahrung oder Legitimität durch Habsburg oder Papst bedrohten deutschen und englischen Fürsten die Unterstützung der Reformation, d. h. die Sprengung der Reichsresp. Religionseinheit gefordert hat. So wie damals das Losungswort vom Kampf um die Reinheit der Religion dem gutgläubigen Volk als Regierungsethik vorgehalten wurde, so hätte jetzt – mit mindestens demselben Anspruch auf Berechtigung – die Parole „Prosperität der Massen“ oder „Kultur dem Volke“ oder „Europäische Solidarität“ als äußere ethische Grundlage der bürgerlichen Regierungsmaximen ausgegeben werden müssen. Statt dessen hat die bürgerliche Gesellschaft, wohl aus Traditionsmangel und dem ihn ersetzenden Moralsnobismus heraus, einen entarteten Begriff von sich notgedrungen gegenseitig auffressenden Patriotismen zum ethischen Leitmotive ihres Handelns erhoben. Damit hat sie zuerst Standesverrat, in der Auswirkung aber Landesverrat begangen: Patriotismus contra patriam! In dem Chaos, welches durch diese selbstmörderische Politik in Europa entstanden ist, wurde die Bourgeoisie zum großen Teil selbst proletarisiert, ohne daß sie aber die Zusammenhänge zwischen ihrem Niedergang und ihrem hypokritischen politischen Verhalten erkannt hätte. Die Geschichte lehrt jedoch, daß jeder politische Zustand, auch der unnatürlichste, unheilvollste, Interessen schafft, die sich gegen jede Veränderung, auch zum Besseren, aus Selbsterhaltungstrieb stemmen müssen. So ist es auch heute. Mit diesen, am heutigen politischen und wirtschaftlichen Zustand klebenden Faktoren den Zusammenschluß Europas durchführen zu wollen, das ist so, als wenn man den Ersatz der Postkutsche durch die Eisenbahn von der Erlaubnis der Postillone abhängig gemacht hätte. Daß der Führer der Paneuropabewegung, Graf Coudenhove, diesen Versuch mit den heutigen Postillonen unternommen hat, erschien mir persönlich von vornherein ziemlich aussichtslos. Dennoch müssen wir uns glücklich preisen, daß uns die Vorsehung in der Stunde der Not diesen reinen Propheten, diesen dichterischen und zugleich klarsten Geist geschenkt hat. Er hat Europa wider zum Bewußtsein seiner selbst gebracht, er hat das europäische Gewissen und Solidaritätsgefühl aufgeweckt. Darüber hinaus hat er aber eine heroische Tat vollbracht, die mehr Vorgänger, von Abbé St. Pierre über Henri IV. und Victor Hugo bis Nietzsche. Coudenhove hat den Mut gehabt, eines schönen Tages auf der Außenseite seiner Eingangstür ein Schild anzuschlagen, welches die Aufschrift trug: Paneuropäische Union! So wie Mohamed im Anfang nur 2 Anhänger besaß: sich und seine Schwester, so bestand die paneuropäische Union zunächst nur aus 2 Mitgliedern: dem Gründer und seiner Gattin. Und im Laufe von 8 Jahren hat diese Bewegung, wenn auch zunächst nur als Idee, relativ reißendere Fortschritte gemacht als irgendeine sozialpolitische Umwälzung in der Geschichte Europas. Aber es bedeutet eben eine Umwälzung des ganzen politischen Denkens und auch vieler Maximen des Regierens. Und meine Zweifel an der Richtigkeit des Coudenhoveschen modus procedendi möchte ich in die Worte kleiden, daß Coudenhove gewissermaßen selbst das Epochale und Umwälzende seiner idealistischen Vision und ihrer praktischen Formulierung unterschätzt hat, wenn er glaubte, diese Aktion mit Hilfe der bestehenden Regierungen so durchführen zu können wie irgendein neues Wahlgesetz oder dergleichen. Paneuropa strebt in seinen letzten Konsequenzen eine neue Ära in der Geschichte der europäischen Völker an, und es wäre unhistorisch, anzunehmen, daß man ein neues Regime mit Hilfe des zu stürzenden „ancien régime“ einführen könnte. Ich glaube, man kann den europäischen Regierungen gerechterweise nicht einmal einen Vorwurf aus ihrem schlecht verhehlten Widerstand gegen den Zusammenschluß machen. Ich wage zu behaupten, daß ein ehrliches Eintreten der heutigen Regierungen für Paneuropa fast inkompatibel wäre mit ihrem Eid und ihren Pflichten als Diener und Hüter der heutigen Ordnung oder vielmehr Unordnung, mit all ihrem sich naturgemäß ergebenden Zwang zur Prestigepolitik. Es genügt daher, daß ein noch so ehrlich vaterländisch, aber zugleich europäisch gesinnter Minister sich zu Paneuropa bekennt, um die Idee im Nachbarlande zu kompromittieren. Man stellt sich dumm und verdächtigt eine solche Initiative des heimlichen Patriotismus. Damit beweist man aber, daß man noch dümmer ist als man sich stellt. Jawohl, es ist Patriotismus, wenn man unter Patriotismus nicht das Nachjagen hinter einem abstrakten, entmenschten geographiphisch-historischen Machtphantom versteht, sondern die Liebe zu seinen Kompatrioten, die Herzensangst um sie und ihre Kinder. Ein solcher wahrer Patriotismus, dem die Heimat Vaterland, aber auch das Land der Söhne und Enkel bedeutet, muß heute zu einer europäischen Kooperation drängen. Den nur diese gibt dem Patrioten die Gewähr, daß seine Kompatrioten vor elend und Vernichtung geschützt werden. Wobei ich hier das reine Friedensproblem als Ausfluß der Ethik, als göttliches Gebot der allmenschlichen, durch keinen falschen Patriotismus beschränkten Nächstenliebe absichtlich unerörtert ließ. Wozu auch darüber reden? Von Plato an über Christus und Kant bis in unsere Zeit wurden Nächstenliebe und Pazifismus von den edelsten Geistern immer wieder gepredigt – stets mit demselben negativen Ergebnis. Also will ich mich mit dem stillen Bewußtsein begnügen, daß auch dieses meinem Herzen am nächsten liegende Ziel ohnehin automatisch und unlösbar mit der Gesamtheit des Problems Paneuropa verknüpft ist, und mit dem Siege der Vernunft auch die Sittlichkeit triumphieren wird.

Man darf nicht erwarten, daß die auf Grund ganz anderer Voraussetzungen installierten heutigen Regierungen in der Lage sind, die Konsequenzen aus der Wandlung der Zeit zu ziehen. In dieser Beziehung ist es sehr lehrreich, zu beobachten, wie sie sich winden und wenden, um sich dem mit schicksalhafter Gewalt an sie herantretenden Forderungen zu entziehen. Es werden Konferenzen nach Konferenzen einberufen, Expertisen nach Expertisen unternommen, alle mit dem gleichen Resumee, mit dem gleichen Notruf: Nieder mit den Zöllen, nieder mit den Rüstungen, nieder mit den Handelshindernissen!, was als Synthese gleichbedeutend mit Paneuropa ist. Und trotzdem – als wenn die Experten Dilettanten und die Herren Dilettanten Experten wären – setzen die Regierungen die entgegengesetzten Maßnahmen, und zwar in immer steigendem Maße fort. Genf ist jetzt wie eine Kirche des Mittelalters, wo man paneuropäische Ablässe sucht, um dann zu Hause um so mehr antieuropäisch sündigen zu können!

Es muß einen tiefste Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit erfassen, wenn man es jetzt erlebt, wie immer wieder versucht wird, die lebensgefährlichen Krankheitserscheinungen Europas mit Palliativmitteln abzuschwächen, nur um einer gesamteuropäischen Radikalkur aus dem Wege zu gehen: Arbeitslosigkeit, Exportrückgang, kommunistische Gefahr, drängende Agrarkrise, alles wird wie voneinander unabhängige Erscheinungen behandelt. Jetzt sind wir richtig beim finanziellen Bankrott angelangt, und auch er wird nur gar zu gern unter dem Gesichtswinkel einer selbständigen Finanzkrise beurteilt. Die moralische Falschmünzerei ist dabei noch schlimmer als die metallische, mit der man jetzt das europäische Problem lösen will. Das ist ähnlich so, als wenn ein Musiker durch miserables Spiel Defizite in seinen Konzerten erleiden würde und dann Scheckfälschungen zur Deckung der Schulden beginge, anstatt durch emsige Arbeit sein Spiel zu vervollkommnen und seine Anziehungskraft auf das Publikum zu steigern.

Es kommt auf umfassende Maßnahmen an. In die Sprache der Politik übersetzt würde es heißen: Abrüstung der Nationalarmeen, Errichtung einer übernationalen europäischen Armee, allmählicher Abbau der Zollgrenzen, dadurch Ankurbelung von Handel und Industrie und Wiedereinstellung der Arbeitslosen, Verankerung des darauf wiedererwachenden Vertrauens in einem festen europäischen Bundessystem, das sich unter der Sanktionsmacht der europäischen Bundesarmee als ein genügend starker Schutzwall gegen Auswüchse des Ehrgeizes von politischen Va-banque-Spielern erweisen müßte. Ich hoffe, daß die Streiflichter, mit denen ich die unendlichen Verflechtungen der paneuropäischen Probleme zu beleuchten mich bemüht habe, genügen werden, um mich vor dem naheliegenden Vorwurf zu schützen, daß ich ausgerechnet an den an der Oberfläche liegenden Schwierigkeiten etwa gedankenlos vorübergegangen bin.

Als eines der unüberwindlichen Hindernisse dieser Art gegen den europäischen Zusammenschluß gilt die Unantastbarkeit der Souveränität der europäischen Staaten. Diese Ansicht hält jedoch einer historischen Analyse nicht stand. Aus der Lehre der Geschichte ergibt sich im Gegenteil, daß nicht einmal die den Souveränitätsbegriff persönlich repräsentierenden deutschen und italienischen Dynastien sich dem historischen Drang nach immer größeren Staatsverbänden auf die Dauer entgegenzustemmen vermochten. – Schwerer wiegt schon die Belastung Europas durch die Verschiedenheit der Sprache, Rasse und Tradition. Doch, wahrlich, das sind keine ernsten Schwierigkeiten. Wir haben auch schon massenhaft Beispiele für deren Überwindung. Da ist z. B. die Schweiz mit ihren drei Hauptnationen und mehreren Volkssplittern. Die Geschichte der Schweiz war eine bewegte Geschichte mit vielen äußeren Kriegen und innern Kämpfen. Aber in ihrer ganzen achthundertjährigen Geschichte hat es in der Schweiz keinen einzigen Fall gegeben, wo die Verschiedenheit der Sprachen zu nationalistischen Zwistigkeiten geführt hätte.

Im übrigen haben wir 6 mehrsprachige Länder neueren Datums: Finnland, Belgien, Tschechoslowakei, Jugoslawien, Estland, Lettland und Sowjetrußland. – Wir haben zwar noch kein offizielles Paneuropa, aber wir haben seit langem schon unzählige, auf paneuropäische Kooperation angewiesene Institutionen wie Eisenbahn, Schiffahrt, Telegraph und Post, Flugverkehr, das ganze Banksystem und vor allem Kunst und Wissenschaft. Nun, diese Institutionen haben sich alle auf etwa drei Weltsprachen nebst der Landessprache eingerichtet, und es liegt gar kein Grund vor, in Paneuropa eine andere Lösung zu suchen. Lieber jährlich ein paar Millionen mehr Ausgaben für viersprachige Gesetze und Dekrete aus den ersparten Milliarden anstatt ungezählter Milliardenausgaben und Millionen Menschenopfer. Außerdem darf nicht übersehen werden, daß in einem europäischen Bundesstaat die Gemeinsamkeit der Wurzeln der gesamteuropäischen Kultur in Sage, Geschichte, Religion, Kunst und Wissenschaft sich ganz anderes auswirken würde als heute, wo absichtlich nur das Trennende, nie das Verbindende zum Bewußtsein der Völker gebracht wird. Es ist vielleicht nicht überflüssig, daran zu erinnern, daß wir in Europa wohl verschiedene Sprachen reden, aber aus einem gemeinsamen Geist denken und fühlen, daß wir eins sind im Glauben, Unglauben und sogar Aberglauben, in Heldensagen, Märchen und sogar Ammenmärchen, daß nie ein geistiger Funke irgendwo in Europa sich entzündet hat, ohne zugleich den ganzen Kontinent zu entflammen oder – in Brand zu stecken.

Nur so ist die Tatsache zu erklären, daß sich oft die erbittertsten europäischen Feinde – sowohl individuell als auch als Völker – noch immer besser verstehen als Europäer mit ihren überseeischen Freunden. Wie oft kommt es auf unserm Erdteil vor, daß der Bewohner eines europäsichen Landstrichs in der Darlegung auch der subtilsten, verklausuliertesten Gedanken von dem Bewohner eines andern mitten in seiner Rede unterbrochen wird, nicht durch Fragen oder aus Widerspruchsgeist, sondern vor lauter Ungeduld, seine Zustimmung zu dem noch nicht halb ausgesprochenen und doch schon ganz erratenen Gedanken zu äußern. Bei all meinem Verständnis, meiner Begeisterung für Amerika muß ich doch gestehen, daß ich diese Art von Genugtuung drüben selten erlebt habe. Ein Europäer läuft in Amerika keine Gefahr, unterbrochen zu werden. Und am Ende wird er mit tausend Fragen bestürmt und trotz aller Erläuterungen doch nicht immer ganz verstanden werden. Nicht anders dürfte es wahrscheinlich dem Amerikaner in Europa ergehen. Jenes höchste Glück des stillen Einverständnisses zweier gleichgestimmter Wesen kann sich eben nur zwischen Menschen einstellen, in deren Seelen wie in dunkler Schatzkammer gleichgeartete erste Eindrücke schlummern, Eindrücke, wie sie in nebelhafter Kindheitszeit durch die Amme, die Großmutter mit ihren Märchenerzählungen, Schreckgespinsten, Helden- und Wiegenliedern in die Seele des Kindes gesenkt wurden, und die dann im späteren Leben auf bestimmte Reaktionen als bestimmte Associationen mitschwingen und das halb ausgesprochene Wort hellhörig ergänzen. Wer aber sein Europäertum als ein bewußtes nationalähnliches Zusammengehörigkeitsgefühl in sich entdecken will, der gehe nach Übersee und erlebe die Begegnung mit einem andern Europäer; da wird nicht viel nach Sprache oder engerer Heimat gefragt, Europa wirkt als das Zauberwort, das zugleich Vaterland, Verständnis, Solidarität bedeutet. –

Die europäische Geschichte ist Jahrtausende alt. Es war ein ewiger Kampf um irgendein Recht, um irgendeine Freiheit. Aber erst seit etwa Mitte des vorigen Jahrhunderts beginnt die Beunruhigung unseres Kontinents durch nationale Unduldsamkeit. Und nun soll eine Jahrtausende alte Kultur zugrundegehen, weil man sich eines seit ein paar Jahrzehnten aufgekommenen Wahnsinns nicht erwehren kann?! Nein, da bin ich trotz meiner Verzweiflung über den jetzigen Zustand optimistischer als alle Optimisten. Es müssen nur die Menschen guten Willens und klarer Einsicht sich Rechenschaft darüber ablegen, daß es bei diesem Kampf um Europa um das Schicksal eines jeden Einzelnen geht. Wir müssen zusammenhalten, und jeder muß innerhalb seines geistigen und sonstigen Vermögens dazu beitragen, daß dieser Gedanke in die breitesten Volkskreise eindringt, insbesondere sich der heranwachsenden Jugend bemächtigt. Dann wird es möglich sein, eines schönen Tages, vielleicht in naher Zukunft, aus unserer eigenen Mitte heraus neue Führer zu erziehen, um mit ihrer Hilfe die große Reform ehrlich durchzuführen. Ob das nun in der bisherigen Form eines geistigen Kampfes mit dem Ziele der Einwirkung auf die heutigen Regierungen geschehen wird oder im Gegensatz zu diesen Regierungen oder durch Gründung paneuropäischer Parteien zwecks direkter Einflußnahme auf europäische Parlamente und Regierungsbildungen, ob Paneuropa als Reaktion gegen den Zoll- und Rüstungswahnsinn der heutigen Staaten entsteht (so wie z. B. der Marxismus in machen Ländern nur als Reaktion gegen das Verbrechen des Weltkrieges, der Faschismus nur als Reaktion gegen den Marxismus zu begreifen ist), ob die europäischen Regierungen aus Angst vor drohendem Zusammenbruch und Revolutionsgefahr, besonders in Zentral- und Osteuropa, doch noch im letzten Moment Vernunft annehmen und mit regionalen Zusammenschlüssen beginnen, – das vermag heute keiner vorauszusagen. Es ist aber auch vollkommen überflüssig! Das Gebot der Stunde ist Propaganda für unser Vaterland Europa! Und die beste aller Propaganden erleben wir jetzt durch die praktische Lektion von der europäischen Gemeinsamkeit in Form von gemeinsamer Not. Ein Beispiel: Es platzt die Bombe des deutschösterreichischen Zollunionplanes. Die Folge ist ein Run der anglosächsischen Kreditgeber auf die österreichische Kreditanstalt und ihre Bankrotterklärung. Darauf beginnt durch die ängstliche Abziehung ausländischer Kredite auch das deutsche Bankengebäude zu wanken. Unmöglichkeit der Zurückziehung englischer Gelder aus Deutschland, darauf Kündigung des Goldstandards des Pfundes und als weitere Folge Inflation auch der skandinavischen Valuten. Hier ist die gesamteuropäische Kausalitätsreihe geschlossen: In Deutschland-Österreich wird eine nationale Unbedachtsamkeit begangen, und auf dem Umwege über Verheerungen in Zentraleuropa und England verlieren beispielsweise in Skandinavien konzertierende Künstler durch Valutensturz ein Drittel ihrer Honorare. Die einfache Deduktion sagt uns, daß umgekehrt auch eine Tat der Vernunft in logischer Kausalitätsfolge sich wohltätig durch alle Staaten auswirken müßte, und daß daher das eigenste Lebensinteresse der Staaten sie zu Konzessionen in ihren vermeintlichen Interessen, zur Kooperation in ihren wirklichen Interessen drängen müßte. – Das verstehen sogar einfache Musikanten, deren Honorare in Nordeuropa durch falsche Regierungsmaßnahmen in Zentraleuropa gekürzt werden. Vielleicht würden es die Herren Minister in ganz Europa auch besser verstehen, wenn ihre eigenen Honorare unter den Fehlgriffen der schlechten Musikanten im „europäischen Konzert“ ebenso in Mitleidenschaft gezogen würden ...

Da ich nicht schließen kann in der Hoffnung auf eine plötzliche Einkehr der europäischen Regierungen, so bleibt mir nichts anderes übrig, als es in der Erwartung einer ungehemmten Entwicklung ihres Absperrungswahns zu tun. Die großen Ereignisse der Weltgeschichte sind fast nie als Folge positiver Bestrebungen eingetreten, sondern vielmehr als Reaktion gegen Unterlassungen und Verbrechen. Und in diesem Sinne gibt es unbegrenzte Möglichkeiten für Paneuropa!

 

DER WEG ZUM EUROPÄISCHEN BUNDESSTAAT [2]

Ein eigentümliches Gefühl erfaßt mich in dem Augenblick, in dem ich von diesem mir so lieben, wohlvertrauten Platze meiner langjährigen künstlerischen Wirksamkeit aus zu Ihnen sprechen soll. Es ist ein Gefühl innerer Bewegung und äußeren Unbehagens. Das erste werden Sie alle wohl verstehen. Es ist aus dem Glücksgefühl geboren, bei der Grundsteinlegung eines großen Menschheitswerkes dabei sein und mitwirken zu dürfen. Das Unbehagen dagegen werden nur diejenigen unter Ihnen mit mir fühlen, die ebenso wie ich dem Gesetz der Assoziation unterworfen sind, also vor allem meine Wiener Konzertbesucher. Dieses mir fast zum eigenen heim gewordene Podium, die festlich geschmückte Versammlung, der öffentliche Charakter meiner heutigen Aufgabe, alles dies gibt mir die Zwangsvorstellung meiner Konzerte. Und doch ist alles Wesentliche verändert und wirkt gerade in dieser Umgebung doppelt fremd. Meine geliebte Geige fehlt. Der Ton ist durch das Wort ersetzt, die Gefühle sollen Gedanken weichen, das Argument der Logik soll an Stelle der Spontaneität, der Beweis der Tatsachen an Stelle des Symbolismus treten. Das infolgedessen sich einstellende Unbehagen steigert sich fast bis zur Peinlich keit, wenn ich als Folge der auch für Sie gestörten Assoziation in Ihren Augen die stille Frage zu lesen vermeine: „Ja, warum tun Sie das? Wie kommt überhaupt ein Mensch, der Jahrzehnte lang Kunst geübt hat, dazu, sich plötzlich mit Dingen der Politik zu befassen?“ Ich fühle, ich darf Ihnen die Antwort darauf nicht schuldig bleiben, sonst würde ich Gefahr laufen, daß mir entweder die Kunst oder die Politik nicht geglaubt würde.

Ja, Kunst und Politik, es sind so disparate Begriffe, daß ich, plötzlich mich dessen bewußt werdend, mitten auf meinem Wege zu Paneuropa stockte und mir selber die gleiche Frage vorlegte. Obwohl ich in meinem Unterbewußtsein fühlte, daß zwischen meinem Drang zur Kunst und dem Drang zu dieser sogenannten Politik, die nebenbei bemerkt für mich etwas ganz anderes bedeutet, eine innere Verbindung bestehen muß, wußte ich mir zuerst keine Antwort. Ich mußte in das unterste Souterrain meiner Seele hinabsteigen, um nach einem verborgenen Verbindungsgang zu suchen. Und da machte ich folgende verblüffende Entdeckung: Ich hatte bis dahin angenommen, daß wir Künstler nur um der Kunst willen Kunst treiben. Das aber stellte sich als ein Irrtum heraus. Denn, wenn wir nur um der Kunst willen Kunst trieben, so wäre es z. B. im Falle des ausübenden Künstlers gar nicht nötig, das Martyrium dieser nervenzerstörenden Lebensweise auf sich zu nehmen, einer Lebensweise, die durch ihre Hast, durch das ewige Ausdemkofferleben verhindert, daß man zur Besinnung seiner selbst kommt. Die Meilensteine des Lebens werden verwischt und Nervenzerrüttung ist oft die Folge. Das Losungswort „Kunst für Kunst“ würde uns alle diese Opfer ersparen. Die wohlhabenden unter uns Künstlern könnten die vier nackten Hotelwände gegen ein gemütliches Heim vertauschen, in dem vor allem ein großer akkustischer Saal nicht fehlen dürfte, und in diesem könnten sie dann nach Herzenslust ihre Lieblingsstücke herunterleiern. Das wäre Kunst um der Kunst willen. So wird sie von den Dilettanten geübt, die sich eben oft mehr durch diese egoistische Genügsamkeit – also durch Charakter und Weltanschauung – als durch ein Mindermaß an Begabung vom Künstler unterscheiden. Der wahre Künstler jedoch schafft nicht Kunst für Kunst als Selbstzweck, was gleichbedeutend wäre mit Kunst für sich selbst, nein, ihm ist der Endzweck der Mensch, er schafft Kunst für die Menschen, um ihnen Freude, Erhebung, Vergessen ihrer Sorgen zu bringen. Und glauben Sie mir, es ist auch dieses Bewußtsein der Erfüllung einer höheren, beneidenswerten Mission gegenüber seinen Mitmenschen nötig, um den Künstler für sein Leben voller Entsagungen und Mühsal zu entschädigen. Mit dem Begriff Kunst ist also auch eine soziale Funktion verknüpft. Nun, meine hochverehrten Anwesenden, ist denn dieser Sprung so groß von meiner bisherigen sozialen Funktion, die darin besteht, Tausenden für zwei Stunden eine geistige Erhebung zu bringen, zu dieser neuen Funktion, mit deren Hilfe ich nun mit Recht oder Unrecht, aber jedenfalls mit fanatischem Glauben zu der dauernden geistigen und materiellen Erhebung von 400 Millionen Menschen beizutragen hoffe?

Eine geistige und körperliche Befreiung der Bewohner unseres Erdteils, dies und nicht weniger bezweckt Paneuropa. Es bedeutet ein Heraustreten aus dem circulus vitiosus von nationaler Verhetzung, Krieg, Verwüstung, Kriegsschulden, Zöllen, Steuerdruck, Teuerung, Lohnelend, Arbeitslosigkeit und das Hineintreten in einen, wenn ich so sagen darf, circulus virtuosus von Steuersenkung, Zollfreiheit, Massenproduktion, Riesenabsatzgebiet, hohen Löhnen, niedrigen Preisen, nationaler Eintracht, Völkerfrieden, Kulturfortschritt. Das bedeutet aber ebensoviele Probleme und zwar Europäische Zollunion, Währungsunion und Rechtsangleichung, Abrüstung der nationalen Armeen, Aufstellung einer übernationalen Armee, wirklichen Minderheitenschutz, Unsichtbarmachung der Grenzen und als Krönung des Ganzen politische Union. Nun ist es auch dem größten paneuropäiischen Optimisten klar, daß dieses gewaltige Gebäude nicht auf einmal völlig gerüstet aus dem Fußboden gestampft werden kann, wie Pallas Athene aus dem Haupte des Zeus entsprang. Man wird also schrittweise vorgehen müssen. Wenn ich mir die einzelnen Probleme gleichsam über einander geschichtet denke, und zwar zu oberst das scheinbar leichteste und brennendste, nämlich die Zollunion, zu unterst das schwerste, nämlich die militärische und politische Union, so würde ich die Frage stellen: Wie sollen wir vorgehen, vertikal, d. h. gleichzeitig ein Stück von jedem Problem in Angriff nehmen, oder aber horizontal, d. h. an die getrennte, dafür aber gänzlich Lösung des zu oberst liegenden Problems, also Zollunion herangehen, und erst nach ihrer Vollendung das nächste Problem herannehmen usw., bis zum Schluß das unterste, die politische Union drankäme? Es ist von größter Wichtigkeit, daß der Paneuropäische Kongreß seine Meinung über den zu wählenden modus procedendi ausspricht. Der Schrei nach der europäischen Zollunion wurde nämlich in der letzten Zeit nicht nur von Paneuropäern erhoben, sondern sowohl von manchen harmlossen und politischen Schwärmern als auch von verschiedenen seriösen wirtschaftlichen Körperschaften, insbesondere in Deutschland und Frankreich. Es besteht daher die Gefahr, daß durch eine einseitige, vom gesamteuropäischen Fragenkomplex getrennte Behandlung dieses Problems dem paneuropäischen Gedanken der größte, vielleicht nicht wieder gutzumachende Schaden zugefügt wird.

Zur Sache selbst möchte ich mir erlauben, folgende Erwägungen zu unterbreiten:

Man kann vielleicht verschiedener Meinung sein über das Prinzip Freihandel oder Schutzzoll für ein gegebenes Wirtschaftsgebiet. Sobald aber die Frage des Freihandels verknüpft wird mit einer Erweiterung dieses Wirtschaftsgebietes um eben jene Länder, denen gegenüber die Zollschranken fallen sollen, dann verändern die Schutzzölle ihren Charakter, sie verwandeln sich in Binnenzölle, über deren Widersinnigkeit hier ein Wort zu verlieren selbst widersinnig wäre. Die Fragestellung lautet daher nicht: „Schutzzoll oder Freihandel?“, sondern: „Nationale Verengung oder Kontinentale Erweiterung des Wirtschaftsraumes?“ Und was die Erweiterung des Wirtschaftskörpers im Zeitalter der fortschreitenden übernationalen technischen Arbeitsteilung für die Wohlfahrt des Landes bedeutet, das zeigt nicht nur der märchenhafte Aufschwung der Vereinigten Staaten, sondern relative ebenso überzeugend die blühende Entwicklung Deutschlands nach Errichtung des deutschen Zollvereins. Somit wäre allein vom wirtschaftlichen Standpunkt aus der Gedanke einer europäischen Zollunion als erstem Schritt zu Paneuropa zu begrüßen. Aber die Zollfrage hat nicht nur eine wirtschaftliche, sie hat auch eine politische Seite von vitaler Bedeutung. Sie berührt nämlich unmittelbar den Lebensnerv der Landesverteidigung. Seitdem die Kriege nicht mehr von Armeen, sondern von Völkern gegen Völker geführt werden, ist nicht mehr allein die Tragweite und Durchschlagskraft der Geschosse für den Ausgang eines Krieges entscheidend, sondern oft die Verfügung über irgendwelche Gebrauchsartikel, wie sie eben von Millionenarmeen und für das Hinterland nötig sind, nicht nur für militärische Aktionen, sondern einfach zum Leben, zum Durchhalten. Die ideale Militärnation wäre also diejenige, welche vollkommene Wirtschaftsautarkie hätte. Auf natürliche Weise ist eine derartige wirtschaftliche Unabhängigkeit vom Auslande keinem Lande erreichbar, denn die Natur hat die Länder und Völker sehr ungleichmäßig mit ihren Gaben bedacht. Daher greifen die Staaten zu künstlichen Mitteln, um dem Zustand einer wirtschaftlichmilitärischen Autarkie möglichst nahezukommen. Viele Industrien, die in den betreffenden Ländern nicht die geringsten Voraussetzungen an Rohstoffen oder Menschenmaterial haben und daher teurer und schlechter produzieren als die Konkurrenz in den hierfür geeigneten Ländern, werden nur mit Hilfe von Schutzzöllen, Steuererleichterungen, Subventionen oder Ausfuhrprämien am Leben erhalten. Diese Industrien würden in der europäischen Zollunion natürlich sofort eingehen. Sicherlich zum Nutzen aller Beteiligten, denn an deren Stelle würde dafür manche andere natürlich gewachsene Industrien, befreit von den Zollhemmungen des bisherigen Auslandes, nunmehrigen Inlandes, einen Aufschwung nehmen, der zur Absorbierung der durch die eingegangene Industrie entlassenen Arbeiter führen würde. Aber gerade diese gefährdeten Industrien braucht der Staat im Kriege, sonst würde er sie ja im Frieden nicht mit schweren Opfern künstlich züchten. Nun frage ich Sie, wie könnte man einem verantwortlichen Staatsmann zumuten, daß er um eines wirtschaftlichen Vorteils willen sein Land von der Verfügung über einen Industrieartikel entblöße, den es vielleicht morgen für die Kriegführung benötigen würde? Doch nur dann, wenn man ihm zugleich die Gewähr bieten würde, daß ein Krieg künftig ausgeschlossen sei. Diese absolute Gewähr kann nicht nur auf irgendeinem Fetzen Papier und auch nicht einmal im Geist von Locarno begründet werden, so begrüßenswert, ja beglückend diese ersten Ansätze politischer Vernunft auch sind. Die Friedenssicherung ist nur durch Abbau, bzw. Unsichtbarmachung der Grenzen zu erreichen, also durch politische Union.

Wo es keine Grenzen gibt, da gibt es auch keine Kriege. Über die Grenze schießen, auch auf seine Stammesbrüder, ist erlaubt – man nennt es Patriotismus, Bürgerpflicht, Heldentat –, innerhalb der Grenzen schießen, auch auf den Stammesgegner, heißt dagegen Mord und Totschlag und ist polizeilich verboten. Das naheliegendste Beispiel dafür ist die Schweiz. Sie ist von drei grundverschiedenen Volksstämmen bewohnt, deren jenseits der Grenzen wohnende Hauptvertreter seit über einem Jahrtausend sich in wechselnder Gruppierung bekämpfen. Wie verhielten sich nun während des Weltkrieges die Deutschen Franzosen und Italiener innerhalb der Schweizer Grenzpfähle? Die Frage stellen heißt sie auch schon beantworten. Ein überzeugendes Beispiel in entgegengesetzter Richtung: Die Polen rühmen sich mit Recht, daß sie im Kriege trotz ihrer schwierigen Stellung in den drei Lagern niemand verraten haben. Dies bedeutet nichts anderes, als daß sie in einem Streite, der sie nicht betraf, der Suggestion des Grenzzwanges unterlagen und dem Befehl, auf die Grenzbewohner zu schießen, nachkamen, selbst auf die Gefahr hin, ihren Bruder zu treffen. Hier also die Schweiz, die sich mit ihrer dreieinigen deutsch-französisch-italienischen Bevölkerung innerhalb einer Grenze friedlich verhielt, dort das zerrissene aber innerlich einige Polen, dessen drei Teile trotzdem gegeneinander kämpfen! Und wie war das Verhalten der Deutschbalten und der nach Millionen zählenden deutschen Kolonisten gegenüber Rußland? Während sich die Deutschen und Russen von jenseits der Grenze die Köpfe einschlugen, verblieben die Deutschen diesseits der russischen Grenzpfähle in ihrer historischen Mission, Stütze des russischen Kaiserthrones zu sein. Namen wie Rennenkampf, Stackelberg, Kaulbars, Ungern-Sternberg, Lambsdorff, Benkendorff, Plehwe usw., lauter russische Generäle und Staatsmänner deutscher Abstammung, bestätigen nur diese Tatsache.

Das Gefühl von der europäischen Kultur- und Interessengemeinschaft und von der Notwendigkeit ihrer gemeinsamen Verteidigung gegen gemeinsame Gefahren setzt sich zwar in dem Bewußtsein der europäischen Staatslenker trotz des in ihnen waltenden Beharrungsgesetzes mit jedem Tage unabweisbarer durch; solange jedoch diese Gemeinschaft nicht ihren natürlichen Ausdruck in einer gemeinsamen militärisch-politischen Union findet, sondern im Gegenteil äußerlich verfälscht wird durch Aufrechterhaltung anachronistischer Grenzen aus der Zeit dynastischer Raubzüge und nationalistischem Imperialismus, solange wird die Gefahr kriegerischer Verwicklungen mit dem Ziel der Erweiterung resp. Verteidigung dieser Grenzen bestehen bleiben. Jeder Staatsmann muß dieser Tatsache Rechnung tragen und wird sich daher in eine Gefährdung der industriellen Rüstung durch Öffnung der Zollgrenzen nicht einlassen. Wir erleben es seit der ersten Haager Friedenskonferenz immer wieder, auf welche Schwierigkeiten schon die rein militärische Abrüstung stößt, trotzdem dieselbe bei loyaler proportioneller Durchführung und gegenseitiger Kontrolle das rein militärische Stärkeverhältnis der Mächte nicht im geringsten verändern würde. Die wirtschaftliche Abrüstung jedoch würde das Kräfteverhältnis stark verschieben, da sie proportionell gleichmäßig gar nicht durchführbar ist: Fortgeschrittene Staaten mit gleichmäßig entwickelter natürlicher Wirtschaft würden weniger schwer getroffen als Staaten, die z. B. nur einseitig agrarisch entwickelt sind. Dies könnte unter Umständen sogar eine Aneiferung für den relativ stark gebliebenen Staat bilden, über den geschwächten straflos herzufallen. Die einzige halbwegs wirksame Kriegshemmung, die wir heute in Europa haben, nämlich die Gewißheit der gegenseitigen Vernichtung, würde auf diese Weise entfallen. Somit wäre der Versuch einer europäischen Zollunion ohne gleichzeitige politische Union von vornherein zum Scheitern verurteilt. Selbst Adam Smith, dieser scharfsinnige und erbarmungslose Bekämpfer jeder Form von obrigkeitlicher Reglementierung des Handels, läßt eine Ausnahme gelten: Schutzzoll für jene Zweige von Industrie und Landwirtschaft, die der Kriegführung dienen sollen. Zu seiner Zeit, vor 200 Jahren, konnte man eine solche Auswahl treffen. Heute, wo die gesamte Landesproduktion zur Kriegsführung gebraucht wird, ist dies unmöglich. Die Völker sind sich dieser Autarkiebedürfnisse des Krieges erst im Weltkriege so recht bewußt geworden. Der Merkantilismus unserer Zeit, über den alle klagen, ist daher kein Zufall und auch nicht bloß etwa ein Ausfluß des Ressentiments gegenüber früheren Kriegsgegnern, er ist eine unmittelbare Konsequenz aus den Erfahrungen des Weltkrieges. In dieser Beziehung bildet England ein lehrreiches Beispiel. Bis zum Jahre 1914 eine Hochburg des Freihandels, machte England während des Krieges die unangenehme Entdeckung, daß es für die Erzeugung einiger zur Kriegführung unentbehrlicher Artikel nicht gerüstet sei. In der Tat hat es von den 20000 Tonnen jährlichen Friedensbedarfs in synthetischen Farbstoffen 18 000 aus Deutschland bezogen. Der Rest von 2000 Tonnen wurde zur Hälfte aus deutschem Rohmaterial bereitet und in zwei in England befindlichen deutschen Fabriken fertiggestellt. Ein ähnliches Verhältnis bestand in vielen anderen Industrien, z. B. in der Raffinierung von Metallen und in optischen Instrumenten. Nichts kennzeichnet besser die psychologische Wirkung dieser Entdeckung als die Tatsache, daß für die fehlenden Industrien der Begriff von „Key-Industries“ geschaffen wurde, d. h. von Industrien, die den Torschlüssel zu Großbritannien, zu seiner Macht bedeuteten. Als Ergebnis dieser Sachlage kam im Jahre 1921 das Gesetz „Safeguarding of Industry Act“ zustande, welches ursprünglich auf 5 Jahre alle ausländischen Produkte der „Key-Industries“ mit einem Wertzoll von 33 1/3 Prozent belegte. Als zu „Key-Industries“ gehörig wurden im Gesetz zunächst folgende angeführt: optische Industrie, technische Gläser, Präzisionsinstrumente, chemische Industrie, Elektrizitätsapparate, Wolframbereitung, Radio. Zugleich wurde das Board of Trade ermächtigt, andere Industrien auf deren Antrag als „Key-Industry“ zu erklären und den Zoll unter Umständen auf 66 2/3 Prozent zu erhöhen. Dieses Gesetz wurde vor kurzem bis zum Jahre 1936 verlängert. Bedenken Sie wohl, dieses Gesetz ist eingestandenermaßen ein reines Kriegsindustrie-Schutzzollgesetz und liegt eigentlich jenseits den prinzipiellen historischen Wirtschaftskampfes zwischen Freihandel und Schutzzoll. Nicht einmal die freihändlerische Labor-Regierung hat es gewagt, dasselbe anzutasten. Die Verhältnisse in den anderen europäischen Staaten liegen ähnlich, wenn auch die Einfuhrverbote und Schutzzölle nicht überall so offen als militärische Schutzzölle zugegeben werden. Nun versuche man einmal in Frankreich Zollfreiheit für Farbstoffe, in England für Erzeugnisse der Key-Industries, in der Tschechoslowakei für Automobile, in Deutschland für Nahrungsmittel bei der heutigen politischen Struktur Europas vorzuschlagen! Ich sehe schon im Geiste, wie die verschiedenen Minister, am grünen Tisch um einzelne Positionen ihrer Landesprodukte feilschend, sich in den Haaren liegen, um wenigstens den notdürftigsten Schutz zu retten, und schließlich unverrichteter Dinge auseinandergehen. Was wäre die Folge? Man würde von dem Scheitern einer Zollunion als eines der paneuropäischen Probleme erst recht auf die Unmöglichkeit der Realisierung des Gesamtproblems schließen, während tatsächlich umgekehrt nur die getrennte Behandlung der Zollunion vom übrigen paneuropäischen Fragenkomplex die Sprengung Paneuropas verursacht haben würde.

Man wird mir verschiedene Einwände entgegenhalten, z. B. die scheinbare Analogie der europäischen Zollunion mit dem Deutschen Zollverein, oder dem Zollbund zwischen Piemonte, Rom und Toscana, die beide auch unabhängig von militärisch-politischer Bindung entstanden waren. Das war im Jahre 1834 bzw. 1847 möglich. Damals wurden die Kriege nur von kleinen Armeen und nicht von ganzen Völkern geführt, und die Ausrüstung bestand hauptsächlich aus Waffen und nicht zugleich aus der gesamten nationalen Produktion. Daher wurde die Kriegsbereitschaft der Mitglieder des Deutschen Zollvereins resp. Italienischen Zollbundes gegeneinander durch den Zollverein kaum berührt. In diesem Zusammenhang eröffnen sich für die Paneuropäer geradezu ungeheuerliche Perspektiven, wenn ich Sie zum Beweise meiner These an die Tatsache erinnere, daß der Zollverein, den Sachsen, Hannover, Württemberg, Bayern usw. mit Preußen usw. 1834 und in den nachfolgenden Jahren geschlossen haben, ihre Mitglieder nicht im geringsten gehindert hat, im Jahre 1866 gegeneinander Krieg zu führen! Auch der italienische Dreistaaten-Zollverein hat spätere Feindseligkeiten unten seinen Mitgliedern nicht verhindert!

Übrigens mutet es uns Zeugen der Beschlagnahme des Privateigentums im Weltkriege wie ein Märchen an, daß trotz des Krieges 1866 der Zollverein zwischen den Kriegführenden ungestört weiter funktionierte. Aus dieser Analogie geht hervor, daß, selbst wenn die Zollunion ohne militärisch-politische Union möglich wäre, sie uns vor einem neuen europäischen Kriege doch nicht schützen würde. Damit hört aber die Analogie auch auf. Denn während der Krieg 1866 zur Einigung Deutschlands führte, würde der nächste europäische Krieg das Ende Europas bedeuten, also auch Paneuropas. Bei den übrigen paneuropäischen Problemen würde die Absurdität ihrer zeitlich getrennten Inangriffnahme noch offener zutage treten. Die Lösung der meisten anderen zwischenstaatlichen Aufgaben, wenn auch nicht mit dem Ziel Paneuropa, war nämlich schon vor dem Krieg in die Wege geleitet worden. In Frieds Handbuch der Friedensbewegung aus dem Jahre 1911 werden 186 internationale Regierungskonferenzen und 86 zwischenstaatliche Institutionen aufgezählt, aus denen ich als die wichtigsten nur das Haager Schiedsgericht, die lateinische Münzkonvention, die Interparlamentarische Union, den Weltpostverein und die Genfer Konvention hervorhebe. Wenn man diese Liste internationaler Institutionen liest, so ist man versucht zu glauben, daß Paneuropa, wenn nicht gar die Weltunion, eigentlich schon vor dem Kriege fix und fertig dastand und nur noch der Name fehlte. Aber es fehlte eben das Wesentliche: Die Haager Abrüstungskonferenz war gescheitert, von einer politischen Union konnte keine Rede sein, und so konnten uns all die schönen 86 zwischenstaatlichen Institutionen nichts helfen, der Weltkrieg mußte ausbrechen.

Vor meiner Schlußfolgerung muß ich noch einen kleinen Abstecher in ein mit meinem Referat scheinbar in keinem Zusammenhang stehendes Gebiet machen, welches jedoch tatsächlich aufs engste damit verknüpft ist: Die wirtschaftliche Basis von Paneuropa ist bekanntlich die erst durch den Zusammenschluß zu ermöglichende Umstellung der Wirtschaft von der einzel-staatlichen auf die gesamteuropäische Arbeitsteilung, also auf Massenproduktion nach amerikanischem Muster, ohne welche wir nicht nur auf den Weltmärkten, sondern auch zu Hause der amerikanischen Konkurrenz nicht standhalten können. Die Hyperklugen, die prinzipiell alles noch nicht Bestehende als unmöglich ablehnen, verweisen darauf, daß Amerika im Augenblick der Gründung der Union in der Industrie ebensowenig durch einzelstaatliche Zwergwirtschaften belastet war wie in Geschichte und Kultur durch Tradition. Die Amerikaner brauchten angeblich nur vorwärts zu schauen, während wir zugleich auch nach rückwärts sehen müßten. Für jede Massenproduktionsmaschine müßten wir nach dieser Ansicht mehrere alte Typen niederlegen. Dies in Verbindung mit unvermeidlichen Produktionsstörungen und Arbeiterentlassungen würde unübersehbares und gefährliches Chaos hervorrufen. Diese Skeptiker vergessen nur eines: Die Wirtschaft stagniert ebensowenig wie das übrige Leben und ist wie dieses in einem ewigen Stoffwechselprozeß begriffen. Wenn wir uns die großen Produktionszentren näher ansehen, so werden wir finden, daß auch im heutigen Europa in den konkurrenzfähigen Betrieben kein Schornstein, keine Lokomotive, keine Dynamomaschine mehr als 10, 15 Jahre zählt. Diese Spanne Zeit ist für die europäische Wirtschaft ausreichend, um sich organisch, ohne jede künstliche Erschütterung, auf die paneuropäische Massenproduktion umzustellen. Der natürliche Ansporn hierzu müßte von der Zollpolitik der paneuropäisch gesinnten Staaten ausgehen. Hand in Hand mit dem Ausbau der politischen und kulturellen paneuropäischen Institutionen müßte der Abbau der Zölle vor sich gehen, also keineswegs allein für sich und nicht ohne Übergang. Auf Grundlage der bestehenden Handelsverträge und der autonomen Zollsätze, welche das klarste Spiegelbild der noch bestehenden wirtschaftlichen Schutzbedürftigkeit der Einzelstaaten abgibt, sollte ein Zollplan auf so viele Jahre aufgestellt werden, als für den politischen Aufbau Europas und die Rationalisierung seiner Wirtschaft nötig sind, etwa 10 bis 15 Jahre. Während dieser Zeit sollten die Zollsätze automatisch um ein Zehntel bis Fünfzehntel, d. h. 6 bis 10 Prozent pro Jahr fallen. Auf diese Weise wäre das politische und soziale Risiko einer vorzeitigen wirtschaftlichen Abrüstung und Erschütterung vermieden und andererseits der Umbau Europas gleichzeitig auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet vollzogen.

Auf den Ausgangspunkt meines Referates, die Frage nach dem modus procedendi zurückkommend, gelange ich zu folgendem Resumee:

Wir müssen Paneuropa organisch aufbauen. Die einzelnen Probleme dürfen vom gesamten paneuropäischen Fragenkomplex nicht zeitlich gesondert behandelt werden. Insbesondere ist die Zollunion ohne gleichzeitige politische Union undurchführbar. Aber auch im Falle der Durchführbarkeit würde sie die über Europa hängenden Gefahren nicht bannen.

In Verbindung mit politischer Union bedeutet Zollunion keine Stellungnahme für oder gegen Freihandel, sondern ist ein Bekenntnis gegen europäische Binnenzölle.

Die einzelstaatliche europäische Abrüstung bedeutet keine Stellungnahme für oder gegen den Weltpazifismus, sie ist eine Konsequenz aus der Erkenntnis, daß innereuropäische Conflagrationen keine Kriege mehr, sondern Bürgerkriege sind.

So wie unsere ganze Konzeption des Gedankens Paneuropa nicht die Konstruktion eines utopischen Weltverbesserers ist, sondern bloß aus der Erkenntnis entspringt, daß Europa in seinen gesamten Lebensäußerungen reif, überreif zum Zusammenschluß ist, so müssen wir auch in unserem Kampfe um die Verwirklichung unseres Ideales alles vermeiden, was utopisch und künstlich konstruiert ist und nicht gleichzeitig auf die gesamten Lebensinteressen Paneuropas genügend Rücksicht nimmt.

 

MERKWORT FÜR DAS
PROGRAMM DES „EUROPA-KONGRESSES“
IN BASEL 1932

Der europäische Zusammenschluß ist ein schwieriges Ziel, aber es gibt etwas, das noch viel schwieriger wäre: Die Erhaltung Europas im heutigen Zustand.

Daher lautet nicht die Alternative: Europäische Föderation oder Nationalstaaten,

sondern entweder

Föderation, d. h. unermeßliche gegenseitige Erweiterung des Produktions- und Absatzgebietes, Massenproduktion, Lohnerhöhung und Preissenkung, Hebung des Lebensstandards der Völker, Ende des Klassenkampfes, Beginn des faktischen Völkerfriedens, Aufblühen der Nationalkultur;

oder aber

Das Labyrinth von internationalem Mißtrauen, Rüstungswahn, Steuerüberlastung, finanziellem, budgetärem und valutarischem Zusammenbruch, Schrumpfung der Kaufkraft, Versagen des Weltmarktes, Ersticken im gegenseitigen Schutzzoll des Innenmarktes, Produktionsverfall, Arbeitslosigkeit, Klassenhaß, Bürgerkrieg, Völkerkrieg, Chaos.

Daher ist der europäische Anschluß keine Forderung der Idealisten, sondern eine conditio sine qua non des Weiterlebens der europäischen Völker.

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Bronislaw Huberman

[1] „Mein Weg zu Paneuropa“ Paneuropa-Verlag, Wien 1925.

[2] Vortrag, gehalten auf dem I. Paneurop. Kongreß, Wien, Großer Konzerthaussaal, 3. Oktober 1926.

BERLIN MCMXXXII VERLAG FÜR KULTURPOLITIK G.M.B.H. Alle Rechte, auch die der Übersetzung, vorbehalten Copyright 1932 by Verlag für Kulturpolitik, Berlin. Printed in Germany Druck der Offizin Haag-Drugulin A.G. in Leipzig