Mein Weg zu Paneuropa

“To fire a gun outside the boundary of our country is lawful – it is called patriotism ... when the shot is specially well fired it is recompensed with medals, pensions, promotion. To fire a gun inside the boundary on the contrary is called assassination, homicide, and it is prohibited by law and punished with imprisonment for life or hanging ... it does not matter whether the bullet is fired at a friend or an enemy, a fellow citizen or a foreigner. The only criterion which decides whether the act is one of heroism or of crime is the national frontier.”

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MEIN WEG ZU PANEUROPA
von Bronislaw Huberman

Wir begrüßen BRONISLAW HUBERMAN, den
weltberühmten Geiger, als Mitarbeiter.
Die Redaktion.

I. AMERIKANISCHE EINDRÜCKE

Ich verbrachte die letzten vier Winter in den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Von den dort gewonnenen Eindrücken will ich zuerst erzählen, denn sie waren der Boden, auf dem in mir der Gedanke von den "Vereinigten Staaten von Europa" als der einzigen Möglichkeit und Notwendigkeit entstand, unserem armen Weltteil dass zum Leben erforderliche, bisher vermißte Mindestmaß von Wohlstand zu geben und es zugleich von der Gefahr zu befreien, die ihm von der zweiköpfigen Hydra eines neuen unvermeidlichen Krieges und des Bolschewismus droht.

Um es vorwegzunehmen: Ich gehöre nicht zu den eingebildeten Europäern, die auf Amerika mit kaum verhüllter Geringschätzung herabsehen. Im Gegenteil: Viele seiner staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen erscheinen mir vorbildlich und erfüllen mich Europäer geradezu mit Neid, wie ich denn auch von manchen meiner europäischen Mitbürger, besonders von denen der Millionärsgilde, wünschen würde, daß sie sich die Opferfreudigkeit, den Gemeinsinn, das Pflichtbewußtsein mancher ihrer amerikanischen Klassengenossen zum nachahmenswerten Beispiel nehmen möchten.

Seit den Tagen der Medici hat die Welt solche Taten großzügigsten Mäzenatentums noch nicht gesehen, wie sie in jeder größeren Stadt Amerikas an der Tagesordnung sind. Universitäten, Forschungsinstitute, Museen, Bibliotheken, Konservatorien, Symphonieorchester mit den dazu gehörenden Konzertsälen verdanken ihr Bestehen fast ausschließlich der Munifizenz einzelner Bürger. Dabei erschöpft sich ihr Interesse keineswegs mit der Zeichnung des Schecks. Sie verwenden oft außer ihren Geldmitteln ihren ganzen Einfluß, ihre freie Zeit für das Gedeihen ihrer Stiftungen. Wenn man an die erreichten, in der Welt wohl einzig dastehenden Resultate, wie zum Beispiel die Morgan-Bibliothek, das Carnegie-Institut, das Philadelphia-Orchester usw. denkt, so muß man wohl sagen: "Die Werke loben ihren Meister." Ich höre schon die Einwendungen des voreingenommenen Europäers: "Ja, bei diesem Reichtum ist es wahrlich nicht schwer, munifizent zu sein." Ich könnte darauf erwidern, daß ich unter den europäischen Krösussen vergebens nach einem Ausschau gehalten habe, der wie Carnegie oder Rockefeller zwei Drittel seines wenn auch geringeren Reichtums für öffentliche Zwecke gespendet hätte. Recht bezeichnend für die amerikanische Art, das Prinzip "Noblesse oblige" anzuwenden, ist die schöne Geste einer mir befreundeten Musikenthusiastin: Seit Jahren war sie die Seele einer Musikgesellschaft, die sich zum Ziele gesetzt hat, selten gehörte ältere Werke und ganz moderne Kompositionen in vorbildlicher Weise zur Aufführung zu bringen. Kein Wunder, daß bei einer solchen Exklusivität der Programme das Defizit immer größer wurde. Als es schließlich ihr Budget derart überstieg, daß sie vor der Alternative stand, ihre geliebten Konzerte einstellen zu müssen, verkaufte sie schnell entschlossen ihr wertvollstes Perlenhalsband! Ich fühle, meine voreingenommenen Europäer verstummen auch nicht vor dieser Wucht der Tatsachen. Sie bezweifeln die Aufrichtigkeit der Motive, denken an Snobbismus, Eitelkeit. Als wenn es bei uns in Europa keine gäbe ... Nur toben sie sich bei uns, je nach der Mode, in Parforce-Jagden und Kieler Regatten aus.

Was auf mich drüben den stärksten Eindruck machte, war jedoch nicht so sehr der Reichtum des Einzelnen, von dem bei uns so viele irreführende Fabeln erzählt werden, als vielmehr der allgemeine Volkswohlstand, der in den Seidenstrümpfen, Pelzkragen und Automobilen der arbeitenden Klassen vielleicht noch sinnfälliger zum Ausdruck kommt als in den Diademen einzelner Logeninhaberinnen der Metropolitan Opera.

Einige Beispiele aus meinen eigenen Erfahrungen illustrieren es besser, als noch so begeisterte allgemeine Schilderungen es vermöchten. Bei meiner Ankunft in einer Musikstadt des Mittelwest im Anfang meiner amerikanischen Laufbahn werde ich von einem Orchestermitglied erwartet, das ich als einen guten Bekannten schlechten Angedenkens, nämlich vom letzten Pult der zweiten Geiger der Warschauer Philharmonie, begrüßte. (Schlechten Angedenkens, weil auch noch dieser Platz zu gut für sein Falschspiel schien.) Nach der Bewillkommnung sagt mir mein Landsmann, daß er mich in seinem Auto nach dem Hotel und dann zur Probe begleiten werde. Ich glaubte schlecht gehört zu haben und sage, es sei sehr freundlich vom Musikverein, mir ein Auto zur Verfügung zu stellen, worauf jedoch mein Bekannter mich verbessert und auf das Auto als auf sein Eigentum hinweist. Äußerlich lächelnd, erlitt ich innerlich einen Choc. Wie, dachte ich im Stillen, dieser Mann, der in Warschau zu schlecht für das letzte Pult war, bekleidet hier eine Stelle, die ihm gestattet, ein eigenes Auto zu halten? Er muß also mindestens einen Konzertmeisterposten inne haben. Damit glaubte ich schon die viel günstigere Lage eines amerikanischen Orchestermusikers eskomptiert zu haben, denn welcher Dirigent, geschweige denn Konzertmeister in Europa könnte sich ein Auto leisten? Voll bösester Ahnungen über die Qualität eines solchen Orchesters fuhr ich denn zur Probe. Was aber sah ich dort? Mein Auto-Landsmann setzt sich mit einer Bescheidenheit, die für einen europäischen Autobesitzer schier undenkbar wäre, an dasselbe letzte Pult, das er in Warschau inne hatte, nur mit dem Unterschied, daß er in Europa dabei am Hungertuch nagte, während er drüben an allen Lebensgenüssen und Bequemlichkeiten teil hatte, die in Europa allein der sehr dünnen Gesellschaftsschicht der Wohlhabenden vorbehalten sind.

Ein weiteres Beispiel: Ich führte einen eigenen Hausstand in Amerika und stellte einen Diener an. Sein Monatslohn betrug 110 Dollar. Die Europäer werden bei Umrechnung dieser Summe in ihre einheimische Währung die Hände über dem Kopfe zusammenschlagen und mich bemitleiden. Das ist aber erstens überflüssig, weil 110 Dollar einen kleineren Prozentsatz meines amerikanischen Einkommens ausmachen, als der entsprechende europäische Dienerlohn von meinen europäischen Einnahmen bedeuten würde. Zweitens ist mein Ausgaben-Budget im Sinne der vorliegenden Betrachtungen weniger interessant als das Einnahme-Budget meines Dieners, aus dem einfachen Grunde, weil es mehr Diener als Geiger gibt. Also er erhielt 110 Dollar. Wie verhielt sich nun sein Lohn (von der er nichts mehr für Quartier und Verpflegung abzugeben hatte) zu seinen Ausgaben? Nehmen wir an, er brauchte ein Paar Schuhe: 5 Dollars gleich 4 Prozent seines Monatslohnes. Ein Ford-Auto: 265 Dollars oder nicht ganz zweieinhalbfacher Monatslohn! Man zeige mir ein Land in Europa, auch aus der gesünderen Vorkriegszeit, wo ein Diener sich in eineinviertel Tag Arbeit ein Paar tadellose Schuhe, in siebzig Arbeitstagen ein Auto verdient hätte! In Wien würde ein Diener zirka sechs Jahre für das gleiche Auto arbeiten müssen! Daher ist es keine Fabel, sondern eine wirkliche Begebenheit, daß eine mir befreundete Dame die bereits aufgenommene Köchin doch wieder entlassen mußte, weil in ihrer Garage kein Raum für das Auto der Köchin vorhanden war!

Ein Beispiel aus einer andern Arbeiterschicht: Ich besteige einen Schlafwagen. Meinen Geigenkasten lasse ich dabei nicht aus der Hand. Dies erweckt das Interesse des augenscheinlich musikliebenden farbigen Schlafwagen-Schaffners. (Nebenbei bemerkt, bildet meiner Ansicht nach die amerikanische Negerrasse mit ihrem angeborenen Sinn für Rhythmus und Melodie das wertvollste Musik-Rohstoff-Reservoir Amerikas.) Als ich dann meiner Gewohnheit gemäß unterwegs zu üben beginne, ist der Neger nicht mehr von meinem Coupé wegzubringen. Und es stellt sich heraus, daß er an die hundert Grammophonplatten von Kreisler, Elman, Heifetz und - meiner Wenigkeit besitzt, deren für ihn charakteristische Unterschiede er mir zu meiner innersten Belustigung auseinandersetzt. Auch in den musikalischesten Ländern Europas bin ich noch auf keinen Schaffner gestoßen, der mir Vorträge über die Qualität meiner Grammophonplatten oder - ins Europäische übersetzt - meiner Konzert-Vorträge gehalten hätte. Er mag einem Männergesangsverein angehören, denn musikalisch ist er ja zuweilen, aber eine weitere Teilnahme am Musikleben kann er sich einfach nicht leisten. - Man denke sich meine Überraschung, als ein mich bedienender Zimmerkellner eine Freikarte zum Symphoniekonzert, in dem ich mitwirken sollte, danken ausschlug, mit dem Hinweis, daß er im Besitz eines Saison-Abonnements für alle Symphonie-Konzerte sei. Was Wunder auch, da Abonnement für einen mittelguten Sitz zu den 10 Konzerten kostet 7½ Dollar, also nicht mehr als in Europa, im Verhältnis zu dem um Vielfaches höheren amerikanischen Kellnerverdienst jedoch nur einen Bruchteil der europäischen Eintrittspreise.

Überwältigend wirkte auf mich ein Konzert, das ich vor der Arbeiterschaft der Beech Nut Plant, Amerikas vornehmster Konservenfabrik, gab. Dieses Konzert kam nicht etwa auf dem in Europa für solche Veranstaltungen üblichen Wege zustande, das heißt durch Unterbreitung der Einladung seitens einer sozialdemokratischen Arbeitervertretung und deren Annahme durch den Künstler unter Verzicht auf sein Honorar. Nein, hier wurde ich durch die übliche Vermittlung meines Agenten seitens des Fabrikbesitzers gegen mein volles Honorar regelrecht engagiert. Und gerade in diesem Falle hätte ich gern auch unentgeltlich zugesagt, nur aus Interesse an dem Anblick einer solchen Veranstaltung. Ich weiß nicht, ob ich mit meinem Spiel die Erwartungen des Arbeiter-Publikums rechtfertigte, aber sicherlich wurden die meinigen, so hochgespannt sie auch waren, noch weit übertroffen. Diese meine Erwartungen konnten sich naturgemäß nur auf das äußere Bild und Benehmen meines Auditoriums beziehen. Da blieb aber auch kein Wunsch unerfüllt. Es begann mit der Auffahrt in eigenen Autos, übrigens nicht nur Ford-Wagen, dann folgte die Überraschung durch das bestrickende Äußere der jungen Damen, die keinen Vergleich mit einem rein bürgerlichen europäischen Auditorium zu scheuen gehabt hätten. Elegantes Schuhwerk, Seidenstrümpfe, Pelzkragen und last not least jene gewisse stolze Kopfhaltung, die ich bei Amerikanerinnen so liebe. Die Männer in Anzug und Benehmen würdig ihrer schöneren Hälften. Ich konnte nicht umhin, im Geiste einen Vergleich mit ähnlichen europäischen Veranstaltungen zu ziehen, und mein Herz krampfte sich mir zusammen im Gedanken an die abgehärmten Gesichter und die dürftige Kleidung, die von der Vorstellung gleichartiger Volksschichten in Europa nun einmal nicht zu trennen sind.

Ich könnte noch Bände mit derartigen Beispielen füllen, aber es würde alles auf dasselbe hinauslaufen: Allgemeiner Wohlstand, innere Zufriedenheit, ein alle verbindendes stolzes Gefühl der Zugehörigkeit zu einer einzigen großen Volksgemeinschaft und nicht wie bei uns in Europa die peinvolle Scheidung in Bourgeois und Proletarier, die durch einen Abgrund von Neid, Haß und Rachegefühl voneinander getrennt sind. - Von der ähnlich gearteten Absonderung der einzelnen europäischen Nationen schon ganz zu schweigen. Daher auch drüben der geradezu körperlich wahrnehmbare Zug nach vorwärts, nach Vervollkommnung. Nirgends kann man das Gras der Entwicklung und des Fortschrittes förmlich so wachsen hören wie drüben. All diese Eindrücke wurden noch vervollständigt durch manche ökonomische Phänomene, die auf den europäischen Beobachter wirken müssen wie Zaubereien eines Schwarzkünstlers.

Da ist das Verhältnis zwischen Arbeitslohn und Warenpreis. Der durchschnittliche Lohn eines amerikanischen Arbeiters dürfte 3½mal höher sein als der des europäischen. Trotzdem ist das Produkt dieser 3½mal höher bezahlten Arbeit keineswegs 3½mal teurer als in Europa, es ist nicht einmal 2½mal teurer; manches ist 2 oder 1½ mal teurer, einiges ist überhaupt nicht teurer und vieles sogar direkt billiger als in Europa. Es ist jedem klar, daß, wenn ein Arbeiter das 3½fache des europäischen Lohnes für die Herstellung, sagen wir eines Hutes, bekommt, aber diesen Hut selbst um den europäischen Preis sich kaufen kann, er 3½mal so viel Hüte kaufen kann als sein europäischer Kollege. Wenn er aber, wie zum Beispiel in der Automobil-Industrie, im Baugewerbe und Bergbau, das Vier- bis Zehnfachedes europäischen Lohnes erhält, den Artikel selbst aber um ein Viertel des europäischen Preises kaufen kann, dann entsteht ein Verhältnis von Arbeitslohn zur Kaufkraft, welches auf den Europäer so aufreizend wirken muß, daß ich mich hüten würde, es zu nennen, wenn ich nicht die eingestandene Absicht hätte, die Europäer aufzurütteln: Der Amerikaner steht sich dann 16 bis 40mal besser als der Europäer gleicher Kategorie! Das verwirrendste, aber keineswegs vereinzelt dastehende Phänomen ist Ford. Er bringt es fertig, den Lohn seiner Arbeiter alljährlich zu erhöhen, den Preis seiner Automobile zu ermäßigen und dennoch seinen Nettogewinn stetig zu steigern!

Diese Eindrücke und Beobachtungen müssen einen denkenden Menschen zum Überlegen zwingen. Denn solche Phänomene müssen auf bestimmten Ursachen beruhen. Diese zu erkennen war der Zweck meiner eingehenden Besichtigung der Fordschen Fabrik in Detroit. Der Eindruck war überwältigend, seine Wirkung nicht weniger atemraubend als etwa eine Partitur von Stravinsky - beides Emanationen von Genie und Zeitgeist.

Die kürzeste Erklärung der Zauberformel für die Blüte Amerikas, deren vollkommenster Exponent Ford sein dürfte, heißt: Vereinigte Staaten. Diese bedeuten die Voraussetzung für deren zwei wichtige Faktoren: Massenproduktion und Massenabsatzgebiet, das heißt billigste Produktion und größten Absatz. Sie schließen aber auch die automatische Folgewirkung einer weiteren Verbilligung ein: Nämlich außer derjenigen durch verbilligte Massenherstellungsweise auch noch die Möglichkeit des Verkaufes dieser wohlfeileren Produkte zu den reinen Herstellungspreisen plus Verdienst, aber unbelastet durch Grenzzölle und Kriegssteuern, die ebenso unvermeidlich Begleiterscheinungen der Vielstaaterei sind wie die Kriege selbst.

II. DIE TAT COUDENHOVES

Erfüllt von diesen Ideen, kam ich nach Europa zurück, mit dem festen Vorsatz, eine Bewegung ins Leben zu rufen, die kein geringeres Ziel hätte als die Schaffung der Vereinigten Staaten von Europa. Doch schon beim ersten Versuch wurde mir lächelnd auf die Schulter geklopft, etwa mit den Worten: "Ja, ja, wir wissen schon, wo du das her hast: Paneuropa". Ich fragte, was dies bedeute und erfuhr auf diese Weise, daß bereits ein Kristallisationspunkt für eine solche Bewegung existierte: "Paneuropa" von Graf Coudenhove Kalergi. Ich verschaffte mir das Buch und war sehr beglückt, viele meiner Ideen darin vorzufinden und vor allem dasselbe Ziel.

Ich bilde mir auf diese Ideen nichts ein, denn sie liegen jetzt geradezu in der Luft, ebenso wie andererseits dieses In-der-Luftliegen die Tat Coudenhoves nicht im Geringsten schmälert. Denn das Kriterium für den Begnadeten, sei er Dichter, Führer oder Prophet, besteht nicht darin, daß er unerhört Neues, noch nie Dagewesenes dem erstaunten Volke zeigt, sondern ganz im Gegenteil in der Fähigkeit, das, was vieler Menschen Herz oder Geist bewegt, in die entsprechende Form zu kleiden und dadurch erst sein Verkünder zu werden. Und das hat Coudenhove getan.

Er hat das Problem von allen Seiten beleuchtet und kommt immer wieder zum gleichen Ergebnis. Wenn auch nicht alle Wege nach Rom führen, so führen sie doch alle nach Paneuropa, gleichviel, ob es der Weg der Vernunft, des Materialismus, der Ethik, der Religion, des Pazifismus, der christlichen Nächstenliebe oder der Stelbsterhaltung ist. Es fragt sich nur, ob Coudenhove nicht, treu seinem angeborenen Hange nach philosophischer Erkenntnis und ethischer Reinheit, die idealistische Seite des Problems zu sehr unterstrichen, die praktische, materielle hingegen, trotz aller sachlichen Logik, zu sehr in den Hintergrund geschoben hat.

III. PANEUROPA ALS ÖKONOMISCHES PROBLEM

Für mich stellt sich das Problem als ein vorwiegend ökonomisches dar oder, um ganz ehrlich zu sein, meine Überzeugung von dem Herdentriebe und der Raubtiernatur vieler Menschen - um nicht zu sagen des Menschen an sich - drängt mich zu der Taktik, die Wahrheiten über die durch nichts zu überbietenden materiellen Vorteile unserer Bewegung so stark als möglich herauszustreichen, dagegen aber mit dem meinem Herzen noch näher liegenden gleichzeitigen Ziel allgemeiner Verbrüderung und Abschaffung des gegenseitigen Menschenschlachtens ein wenig hinter dem Berge zu halten. Wozu auch darüber reden? Von Plato an über Christus und Kant bis in unsere Zeit wurden Nächstenliebe und Pazifismus von den edelsten Geistern immer wider gepredigt - stets mit demselben negativen Ergebnis. Also will ich der Menschheit mit dieser abgegriffenen Münze lieber nicht kommen. Ich begnüge mich mit dem Bewußtsein, daß die Erreichung auch dieses Zieles ohnehin automatisch und unlösbar mit der Gesamtheit des Problems Paneuropa verknüpft ist. Daher möchte ich mich nicht wie die bisherigen Pazifisten nur an die Intellektuellen und Idealisten, sondern vor allem an diejenigen wenden, die den Hauptvorteil aus dieser Bewegung zu ziehen bestimmt sind: an die große Masse. Denn für die Proletarier bedeutet Paneuropa nicht mehr und nicht weniger als die Befreiung von jahrtausendalter, auf keine andere Weise abzuschaffender Sklaverei.

Bedarf es für die Richtigkeit dieser Behauptung noch eines Beleges unter Hinweis auf das amerikanische Beispiel? Ich könnte höchstens mit einer Probe aufs Exempel dienen: Amerika, das Land mit der zahlreichsten Arbeiterbevölkerung, ist das einzige Industrieland der Welt, in dem es keine politische Arbeiterpartei gibt. Die meisten Arbeiter - darunter auch geistige, wie zum Beispiel die Musiker - sind in den Trade-Unions auf das mächtigste organisiert und erringen und erhalten sich mit deren Hilfe ihren hohen Lebensstandard. Aber auch die wütendsten Lohnkämpfe vermögen sie nicht politisch von dem Rest der bürgerlichen Gesellschaft zu trennen, als deren vollwertige Mitglieder sie sich mit Recht fühlen. Mit dieser Feststellung habe ich ein wichtiges Blatt des paneuropäischen Problems aufgeschlagen: Die europäische Union in ihrer negativen Wirkung auf den Bolschewismus. Wenn es uns auch hier in Europa gelingt, Zustände zu schaffen, die eine politische Absonderung der Arbeitermasse vom Rest der Bevölkerung unnötig machen, dann verhindern wir eo ipso das Umsichgreifen des Bolschewismus. Daß aber andererseits der Bolschewismus für weite Kreise einen großen Gedanken darstellt, werden auch seine Gegner nicht leugnen können. Einen Gedanken, mag er auch verstiegen erscheinen, kann man aber nicht mit dem Bajonett ausrotten. Man kann ihn nur mit einem größeren Gedanken besiegen. Dieser größere Gedanke heißt wiederum Paneuropa. Meiner Ansicht nach gibt es für die Bourgeoisie Europas nur eine Alternative: Entweder es gelingt ihr, das Niveau der Lebensführung der arbeitenden Klassen zu heben und allmählich dem ihrigen anzugleichen, oder aber die Arbeiter werden sie zu ihrem Lebensstandard hinunterreißen, wie sie es in Rußland bereits getan haben. Wie kann man aber nun ihre Lebensbedingungen heben? Die scheinbar einfache Methode, den Überschuß den Besitzenden wegzunehmen und unter die Besitzlosen zu verteilen, hat sich, gelinde gesagt, nicht bewährt. Kurzweg den Arbeitslohn erhöhen? Das wäre ein circulus vitiosus: Der Arbeiter, dem heute der Lohn gesteigert wurde, muß übermorgen um so viel mehr für seinen Lebensunterhalt ausgeben, weil ja der Arbeitgeber kein Zauberer ist und den Preis seiner verteuerten Produkte im gleichen Verhältnis erhöhen muß. Ich wundere mich nur, daß diese fortgesetzte Beschwindelung der Arbeitnehmer, die allerdings keine von den Arbeitsgebern beabsichtigte, sondern die nur eine unvermeidliche Folgeerscheinung der politischen Struktur Europas ist, nicht längst von den Arbeiterführern erkannt und bekämpft worden ist. Ein Kind würde das Problem in die Worte fassen: "Den Kuchen essen und doch ganz lassen". Den Wohlhabenden nichts wegnehmen und den Armen mehr geben. Dies geht nur, wenn man dem Arbeiter die Möglichkeit gibt, innerhalb derselben Arbeitszeit mehr Güter zu erzeugen als bisher und den größten Teil dieses Plus zu seinem Lohne schlägt. Am kürzesten würde die Formel lauten: Lohnsteigerung durch Produktionssteigerung ohne Preissteigerung, sondern mit Preissenkung. Im Europa der Vielstaaterei ist das gleichbedeutend mit der Quadratur des Zirkels, im Europa der Vereinigten Staaten ist es das Ei des Kolumbus. Für die Skeptiker möchte ich die ökonomischen Folgen von Paneuropa nochmals mit Schlagworten rekapitulieren: Massenproduktion durch alsdann sich lohnende Einstellung entsprechender Maschinen, unbeschränkter Massenabsatz durch Abschaffung der Grenzen, fast keine Steuern, keine Zölle, weil Kriege, Invaliden, Kriegsentschädigungen, eigene oder fremde Reparationen fortfallen.

IV. KEINE GRENZEN - KEINE KRIEGE

Wo es keine Grenzen gibt, da gibt es auch keine Kriege, und latenter Haß mildert sich bis zur Verträglichkeit. Über die Grenze schießen ist erlaubt - man nennt es Patriotismus, Bürgerpflicht, Heldentat, und sitzt der Schuß besonders gut, so wird er mit Orden, Pensionen, Standeserhöhungen belohnt. Innerhalb der Grenzen schießen heißt dagegen Mord und Todschlag, ist polizeilich verboten, wird mit Zuchthaus oder durch den Galgen bestraft und statt der Standeserhöhung droht einem Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte. Dabei ist es gleichgültig, ob der Schluß Freund oder Feind, dem Stammesbruder oder Fremden galt. Das einzige Unterscheidungsmerkmal für die Frage, ob es sich um eine Heldentat oder ein gemeines Verbrechen handelt, ist die Landesgrenze.

Bei der heutigen hoffnungslosen Mentalität Europas bedeutet es vielleicht nicht offene Türen einrennen, sondern im Gegenteil hermetisch verschlossene, wenn ich diese Behauptung mit einigen Beispielen aus der neueren Geschichte zu belegen versuche. Das naheliegendste Beispiel ist die Schweiz. Sie ist von drei grundverschiedenen Volksstämmen bewohnt, deren jenseits der Schweizer Grenzen wohnende Hauptvertreter seit bald zwei Jahrtausenden sich in wechselnder Gruppierung bekämpfen. Noch bebt die Welt von der Wucht des letzten Anpralles, trotzdem sieben Jahre seit Niederlegung der Waffen verstrichen sind. Wie verhielten sich nun während des Weltkrieges die Deutschen, Franzosen und Italiener innerhalb der Schweizer Grenzpfähle? Die Frage stellen heißt sie auch schon beantworten. Die Wogen der nationalen Erregung, der Parteinahme für die eine oder andere Nation gingen manchmal sehr hoch, aber niemand hat etwas von einem Waffengange zwischen einem Welschschweizer, Deutschschweizer oder Tessiner gehört. Das wäre die Lehre von dem friedlichen Verhalten dreier scheinbar feindlicher Volksstämme innerhalb einer Grenzlinie. Ein in entgegengesetzter Richtung vielleicht noch überzeugenderes Beispiel von der teuflischen Wirkung der Grenzen liefert das Verhalten der polnischen Nation im Weltkriege. Wir Polen rühmen uns mit Recht, daß wir trotz unserer schwierigen Stellung in den drei Lagern niemand im Krieg verraten haben, so lange man uns nicht selbst hintergangen hatte. Daß dies der vollen Wahrheit entspricht, bin ich selbst in der Lage zu bezeugen. Der Vater eines Bekannten von mir - Baron von König - befehligte eine fast nur aus Posenschen Polen bestehende preußische Division, die er nach dem früheren Russisch-Polen führte. Wie aus seinen Briefen hervorging, war er voller Begeisterung über das pflichttreue und heldenmütige Verhalten seiner Truppe. Dasselbe rühmte Freiherr von der Goltz, der Chef eines aus polnisch-rheinischen Kohlenarbeitern bestehenden Regiments. Der Heldenmut der polnischen unter Österreich dienenden Legionen gehört bereits der Geschichte an. Die Ritter des Maria Theresien-Ordens - Österreichs höchster Kriegsauszeichnung, und des Georg-Ordens - Rußland höchster militärischer Dekoration - lassen sich in polnischen Reihen zahlreicher finden als ihrem zahlenmäßigen Verhältnis zum Rest der rein österreichischen, respektive russischen Bevölkerung entsprechen würde. Ich kannte selbst mehr als eine polnische Familie, deren mehrere Söhne in den verschiedenen, einander feindlich gegenüberliegenden Lagern kämpften, so wie der Zufall es gefügt hatte. Was bedeutet nun im Grunde genommen die stolze Behauptung von der polnischen Loyalität? Nichts anderes, als daß wir dumm genug waren, in einem Streite, der uns nicht betraf, der Suggestion des Grenzzwanges zu erliegen und dem Befehl, auf die Grenzbewohner zu schießen, nachzukommen, selbst auf die Gefahr hin, unseren Bruder zu treffen. Die Rechnung stimmt: Hier die grenzumzäunte Schweiz, die sich mit ihrer drei-einigen deutsch-französisch-italienischen Bevölkerung friedlich verhält, dort das gemarterte, zerrissene, aber innerlich einige Polen, dessen drei Teile gegeneinander kämpfen! Dies sind nur zwei am ergreifendsten sprechende Beispiele aus einer unermeßlich langen Reihe. Wie war das Verhalten der Deutschbalten gegenüber Rußland? Wider der Stolz auf die Loyalität! Während sich die Deutschen und Russen von jenseits der Grenzen die Köpfe einschlugen, verblieben die Deutschen diesseits der russischen Grenzpfähle, trotz mancher russischen Verdächtigungen und Verfolgungen, in ihrer historischen Mission, Stütze des russischen Kaiserthrones zu sein. Namen wie Rennenkampf, Stackelberg, Kaulbars, Ungern-Sternberg usw., lauter russische Generäle deutscher Abstammung, bestätigen nur diese Tatsache. Ebenso waren die Kroaten seit 600 Jahren Stütze des Habsburgerthrones, auch dann, wenn es galt, gegen ihre Brüder, die Serben, zu kämpfen. Diejenigen, die behaupten wollten, daß das Verhalten der Polen, Deutschrussen und Kroaten nichts mit Grenzsuggestionen zu tun hatte und ausschließlich durch den Zwang des militärischen Befehls zu erklären ist, verweise ich auf das winzige Finnland, welches als einzige der unter russischer Botmäßigkeit stehenden Völkerschaften sich dem Kriegsdienst sehr wohl zu entziehen vermochte. Dies dank der Tatsache, daß sie als einzige durch eine Grenze vom übrigen Rußland getrennt war. Das die Teilnahme am Kriege mit Erfolg verweigernde Irland, von England durch die Wassergrenze geschieden, ergänzt dieses Beispiel. Soweit die Geschehnisse der Jahre 1914/18. Wie sah es nun um 1866 aus? Hannoveraner, Sachsen, Braunschweiger und Österreicher kämpften gegen Preußen, Bayern usw. Richtet die alten Grenzen wieder auf, und sie werden heute das Gleiche tun, so wie es alle Menschen, seitdem die Welt besteht, getan haben, und zwar nur nach Maßgabe der sie trennenden Grenzen, Mann gegen Mann, Dorf gegen Dorf, Stadt gegen Stadt (siehe die italienischen Städterepubliken), Staat gegen Staat, Staatengruppe gegen Staatengruppe. Mögen Deutsche, Italiener oder beliebige andere Europäer ruhig schaudern bei dem Gedanken an solche jetzt als ketzerisch geltenden Vorstellungen; vielleicht wird ihnen dadurch leichter der Sinn dafür aufgehen, daß in unserer Zeit die gegenseitige Abschlachtung mehrerer demselben europäischen Kulturkreise angehörenden Völker keine geringere moralische und wirtschaftliche Ungeheuerlichkeit bedeutet als es früher die Abschlachtung der demselben Sprachgebiet angehörenden Stadt- oder Staatsangehörigen war.

V. DIE EUROPÄISCHE MENTALITÄT UND ANDERE GEGENARGUMENTE

Noch nie ist etwas Positives so gründlich und - ich wage es zu behaupten - so schlechten Glaubens ins Gegenteil verdreht worden, als das tatsächliche Bestehen gemeinsamer europäischer Kulturbande durch chauvinistisches Abstreiten derselben. Sie bestehen seit undenklichen Zeiten. Die erbittertsten europäischen Feinde verstehen sich immer noch besser und sind sich, wenn auch oft unbewußt, doch noch mehr zugetan als die intimsten überseeischen Freunde. Wie mir jeder vielgereiste Europäer bestätigen wird, kommt es auf unserem Erdteil gar nicht selten vor, daß der Bewohner eines europäischen Landstriches in der Darlegung auch der subtilsten, verklausuliertesten Gedanken von dem Bewohner eines andern mitten in seiner Rede unterbrochen wird, nicht durch Fragen oder aus Widerspruchsgeist, sondern vor lauter Ungeduld, seine Zustimmung zu dem noch nicht halb ausgesprochenen und doch schon ganz erratenen Gedanken zu äußern. Bei all meinem Verständnis, meiner Begeisterung und Liebe für Amerika muß ich doch gestehen, daß ich diese Art von Genugtuung drüben selten erlebt habe. Ein Europäer läuft in Amerika keine Gefahr unterbrochen zu werden. Und am Ende wird er mit tausend Fragen bestürmt und trotz aller Erläuterungen doch nicht immer ganz verstanden werden. Nicht anders dürfte es wahrscheinlich dem Amerikaner in Europa ergehen. Jenes höchste Erdenglück des stillen Einverständnisses zweier gleichgestimmter Seelen kann sich eben nur zwischen Menschen einstellen, in deren Seelen wie in dunkler Schatzkammer gleichgeartete erste Eindrücke schlummern, Eindrücke, wie sie in nebelhafter Kindheitszeit durch die Amme, die Großmutter mit ihren Märchenerzählungen, Schreckgespinsten, Heldenund Wiegenliedern ins junge Gemüt gesenkt wurden, und die dann im späteren Leben auf bestimmte Reaktionen als bestimmte Associationen mitschwingen und das halb ausgesprochene Wort hellhörig ergänzen. Daß sich solche Harmonien der Seele zwischen Angehörigen weit voneinander entlegener europäischer Gebiete ebenso natürlich einstellen können wie zwischen einem New Yorker und einem Kalifornier, ist mir ein genügender Beweis von der Existenz unserer gemeinsamen paneuropäischen Kultur und spricht eindringlicher als das noch so laute Haßgeschrei bezahlter Agitatoren, interessierter Krämer, ja mehr sogar, als im Kriege die Austrittserklärungen und Streichungen von Mitgliedern aus "feindlichen" wissenschaftlichen Vereinigungen durch einige irregeleitete, das eigentliche Wesen ihrer künstlerischen oder wissenschaftlichen Mission verleugnende Hochschulprofessoren.

Das Paneuropa der Mentalität existiert also. Man hat versucht, es für die Bedürfnisse des Krieges künstlich in Stücke zu reißen, aber trotz der redlichsten Bemühungen unredlichster Menschen ist dieser geistige Meuchelmord nie ganz gelungen. Das deutsche Theater unter Max Reinhardts Leitung unternahm während des Krieges staatlich subventionierte Propagandareisen ins neutrale Ausland mit Stücken des "feindlichen" Staatsangehörigen Maxim Gorki, in Wien und Budapest wurde, während die Schlachten am Isonzo tobten, in Staatstheatern Puccini, in Pariser Konzerten Wagner und Brahms aufgeführt; ich, der Pole, führte trotz meines offiziellen Standes als feindlicher Staatsangehöriger in Berlin im Jahre 1917 das Meisterstück des Russen Taneieff, die Konzertsuite, auf, und in Paris im ersten Jahre nach dem Waffenstillstand spielte ich die Sonate des Deutschen Richard Strauß. Was aber für die Beurteilung der europäischen Mentalität noch schwerer wiegt als unsere Aufführungen, ist die Tatsache ihrer Erfolge. Das Publikum, das doch sicherlich nicht aus lauter Elitemenschen zusammengesetzt sein konnte, war begeistert und reagierte oft mit demonstrativem Beifall. Einige schwarze Schafe, wie zum Beispiel eine Londoner Zeitung, die mich wegen meiner Wahl von Bach und Brahms im Jahre 1919 anpöbelte, oder eine Berliner Zeitung, die wegen Vortrages einer russischen Komposition dasselbe tat, fallen dabei nicht ins Gewicht. Es hat keine Zeit gegeben, auch nicht während der schlimmsten deutsch-polnischen Verhetzung, in der man nicht deutsche Künstler in Polen und polnische Künstler in Deutschland mit Begeisterung aufgenommen hätte.

Der Hinweis auf die vielen auch dauernden Herzensbande, die zwischen Angehörigen der okkupierenden Armee und der eingesessenen feindlichen Bevölkerung angeknüpft wurden, ist in diesem Zusammenhang vielleicht nicht ganz unangebracht.

Das Paneuropa der Wissenschaft und des Verkehrs besteht erst recht, und wenn es nicht bestünde, würde man es schaffen müssen. Darüber noch Worte zu verlieren, hieße wirklich unheilbar Blinden von der Sonne oder Brandstiftern von der Feuerwehr erzählen wollen.

Ich habe mich absichtlich etwas länger bei dem Kapitel "Europäische Mentalität" aufgehalten, weil ich in meinen Unterhaltungen mit Staatsmännern und Wirtschaftspolitikern die Beobachtung machte, daß, wenn sie schon gar keinen stichhaltigen Einwand gegen den Gedanken der Vereinigten Staaten von Europa erheben konnten, sie wenigstens die angeblich mangelnde europäische Mentalität als Hindernis der Vereinigung geltend machen, und zwar tun sie es meistens in einer Art und Weise, die einer gewissen Komik nicht entbehrt. Zunächst beteuert der Einzelne seine eigene begeisterte Zustimmung zum Prinzip. Dann entringt sich ihm ein Seufzer, dessen tiefen Sinn ich, gewitzigt durch die Erfahrung mit seinem Nachbarn, im voraus errate: Das Mißtrauen gegen den bösen Nachbarn. Ja, wenn der nicht wäre! Daß er selbst Nachbar des Nachbarn ist und diesem als solcher nicht mehr Vertrauen einflößt, als er ihm selbst entgegenbringt, will er natürlich nicht wahr haben. Eine der nächsten Aufgaben der paneuropäischen Bewegung wird die Zerstreuung des gegenseitigen Mißtrauens bilden müssen durch Persönlichkeiten, die kraft der höheren Werte ihres Berufes, der edlen Menschlichkeit ihrer Gesinnung, geeignet sind, den verhetzten Menschen diesseits der Grenze ins Gedächtnis zu rufen, daß auch auf die Bewohner, jenseits der Grenze noch immer die Kantsche Definition des Menschen paßt: Ein auf zwei Beinen gehendes, sinnlich-vernünftiges Säugetier. Ob wir diese Apostel des Vertrauens unter den heutigen Staatsmännern, die aus der klassischen Schule des Mißtrauens hervorgegangen sind, finden werden, erscheint mir zumindest zweifelhaft. Wenn wir auch jeden Bekehrten in unserer Mitte willkommen heißen, so lege ich doch persönlich kein besonderes Gewicht darauf. Jeder neue Inhalt muß sich seine neue Form schaffen, jeder neue Glaube braucht neue Verkünder, jede neue Regierungsform bildet sich auch ihre eigenen neuen Organe. So wie es unsinnig gewesen wäre, die demokratischen Maximen der Revolution von 1789 mit Männern des ancien régime in die Regierungspraxis umsetzen zu wollen, oder die sozialistischen Maximen der englischen Labour Party, beziehungsweise die kommunistischen Prinzipien der russischen Bolschewiken mit Hilfe demokratischer Führer, ebenso wenig könnte ich irgendeinen Vorteil für unsere Bewegung in Versuchen erblicken, die Staatsmänner des heutigen sich zerfleischenden Europa in unser Lager herüberzuziehen. Es wäre nutzlose Kraftverschwendung.

Nächst dem Einwand von der angeblich mangelnden europäischen Mentalität erscheint von größter Wichtigkeit die Befürchtung, daß mit der Niederreißung der Grenzen auch der notwendige Schutz für manches nur künstlich am Leben erhaltene Sorgenkind der einheimischen Industrie wegfallen würde. Die Kurzsichtigkeit und Naivität einer solchen Auffassung liegt für mich so klar auf der Hand, daß ich mich über ihre Geltendmachung durch intelligente Menschen nicht genug wundern kann. Diese nicht lebensfähigen Industrien, die nur in einem Staate Existenzberechtigung haben, der morgen durch Krieg von den ausländischen Spezialquellen abgeschlossen werden könnte, werden zwar zugrunde gehen müssen, dafür aber den billigeren und besseren Produkten der gesünderen Konkurrenz Platz schaffen. Die dadurch heute brotlos gewordenen Arbeiter werden morgen Anschluß finden an neue, den einheimischen natürlichen Lebensbedingungen besser entsprechende Industrien, oder an alte, die ihrerseits wieder durch Fortfall der künstlichen Konkurrenz im Auslande konkurrenzfähiger werden: - ebenso wie etwa seinerzeit die entlassenen Postillone Anschluß an die Bahnen oder an durch diese ins Leben gerufene Industrien gefunden haben. Warum muß mir in Deutschland, um nur ein Beispiel anzuführen, minderwertiges deutsches Parfum und ebensolcher Champagner aufgedrängt werden, wenn die französischen echten Erzeugnisse zum gleichen Preise zu haben sein sollten? Oder in Frankreich zweifelhafte Chemikalien statt der einwandfreien deutschen? Warum muß ich in Österreich für den billigsten Serienwagen 1050 Dollars bezahlen, wenn ein europäischer Ford auch nur 265 Dollars kosten sollte? Dasselbe kann man von fast allen Artikeln und allen Ländern behaupten. Es gibt kaum ein Land, welches die Natur ganz stiefmütterlich behandelt und kaum einen Menschenschlag, der nicht eine besondere Handfertigkeit erlangt hätte.

VI. PAN-HUMOR

In Paneuropa würden zum Beispiel Operetten, Walzer, Männergesangsvereine und alle goldenen Herzen aus Wien bezogen werden, Anilin-Farben, besonders die graue (für alle Theorien), Nibelungentreue, Ersatz von Surrogaten, besonders von Kaffee-Surrogaten und das Wesen, an dem die Welt genesen soll, aus Deutschland, Automobile und alle sonstigen Annäherungsversuche aus Deutschland und Frankreich gemeinsam, alle Löcher für Käsesorten und für à-jour Handarbeiten aus der Schweiz, Prager Schinken wirklich aus Prag, Kognak aus Cognac, Eau de Cologne aus Köln, die Kunst, mit den kleinsten Füßchen auf größtem Fuß zu leben, aus Polen, dagegen die schwersten Holzpantoffel für die mildeste Frauenherrschaft aus Holland, Klubs, abgenutzte Isolatoren (aus der Zeit der Splendid Isolation) sowie die neuesten Präzisions-Wagen und Gewichte (zur Aufrechterhaltung des europäischen Gleichgewichtes) aus England, alle Mäntelchen, besonders die kommunistischen für kapitalistische Betriebe, alle Konzessionen und alle Unterschiede zwischen Theorie und Praxis aus Rußland ...

Dadurch, daß die jeweils zu dieser oder jener Produktion speziell befähigten Länder den gesamten Konsum des ganzen Europa in den betreffenden Artikeln zu decken hätten, würde eine Serienfabrikation ermöglicht, die den Preis, sagen wir eines Wiener Artikels in Paris niedriger halten könnte als dies zurzeit in Wien selbst möglich wäre. Auch der Export von Menschen, die Emigration, würde in geregelte, spezialisierte Bahnen geleitet. Ich sehe eine Zeit kommen, in der sämtliche europäischen Armeen - eine contradictio in adjecto, da bekanntlich Paneuropa keine Armeen, sondern nur eine gemeinsame Miliz haben wird - ausschließlich preußische Vizefeldwebel, sämtliche Volksschulen nur deutsche Schulmeister anstellen, wo der gesamte Kunsthimmel Paneuropas voller polnisch-jüdischer Geiger hängen wird, wo alle Verschwörer, sowohl revolutionäre als auch gegenrevolutionäre, aus Rußland, alle Fascisten aus Italien, alle Dauerläufer aus Finnland, alle Vorkämpfer für Gerechtigkeit und die Freiheiten der Welt nebst allen Verfolgern von Spionen und Landesverrätern wie auch deren Verteidigern aus Frankreich, die Entdecker des bisher unbekannten Ost- und West-Pols aus Skandinavien, die Zigeuner für alle Restaurations-Kapellen, die Royalisten für alle republikanisch regierten Länder aus Ungarn bezogen würden ...

VII. NATIONALES BEKENNTNIS

Dieser vielleicht vorzeitige Ausflug in die Provinz des Humors von Paneuropa hat einen ernsten Kern: Meine unerschütterliche Überzeugung, daß die Niederreißung der Zollgrenzen Europas keinen oder nur geringen Einfluß auf die individuellen Eigentümlichkeiten der einzelnen europäischen Nationen haben wird. Als Künstler wäre ich auch der letzte, eine Nivellierung der nationalen Kulturen zu predigen. Denn alle echte Kunst wurzelt letzten Endes im nationalen Boden. Das Schlagwort: "Die Kunst ist international" muß in seiner oft mißbräuchlichen Geltung eingeschränkt werden. International ist die Kunst nur in dem Sinne, daß sie für den internationalen geistigen Konsum, für wechselseitige Anregung, bestimmt ist. Ebenso jedoch wie das Vorkommen des Kaviars auf einem New Yorker Menu noch nicht bedeutet, daß der Stör in der Hudson-Mündung gerade so gut vegetieren kann wie in der Wolga- und Donau-Mündung, ebenso wenig kann das noch so häufige Erscheinen der Meistersinger auf dem Repertoire der Pariser Oper darüber hinwegtäuschen, daß ein Richard Wagner allein aus deutschem Wesen hervorgehen konnte. Wenn der Künstler die Fähigkeit zu seinem Schaffen seiner persönlichen Begabung verdankt, die natürlich national unbegrenzt ist, so dankt er den Weg, den diese Begabung nimmt, den tausendfältigsten Einflüssen seiner Umgebung. Das gilt für die Künste im allgemeinen. Für die Musik im besonderen kommen noch drei wichtige, national stark unterschiedliche Faktoren hinzu: Volkslieder, Tanzrhythmen und liturgische Einflüsse.

Nach alledem könnte man versucht sein anzunehmen, daß die Forderungen der Geisteskultur mit den Forderungen der Wirtschaftskultur in einem Interessenkonflikt stehen: Hier nationale Absonderung als Materialbereicherung für das Mosaik der europäischen Künste, dort das Streben nach Nivellierung, Standardisierung, Kartellen, Trusts über die Landesgrenzen hinaus, mit einem Wort der Drang nach restloser Vereinigung zwecks Intensivierung und Verbilligung der Produktion und ihrer Erschließung für breiteste Volksschichten. Bei näherer Betrachtung stellt sich jedoch dieser Gegensatz nur als ein scheinbarer heraus. Die kulturellen Grenzen sind nicht identisch mit ökonomischen, und durch die Aufhebung letzterer werden die kulturellen Unterschiede keineswegs verwischt. Meinem bisherigen Verfahren getreu, will ich auch für diese, von manchen zunächst bezweifelte Behauptung Tatsachen - Beispiele anführen: Gibt es etwas deutscheres als die Schweizer Gottfried Keller, Konrad Ferdinand Meyer, Böcklin, Stauffer-Bern, Hodler, etwas französischeres als die gleichfalls schweizerischen Jean Jacques Rousseau, Benjamin Constant, Jacques Dalcroze, Honegger? Gibt es etwas im besten Sinne deutscheres als den Geist der Deutschbalten, so wie er sich in allgemeiner Bildung, in Architektur, Wissenschaft und Kunst in den früheren baltischen Provinzen Rußlands äußerte? Wenn man nach einer längeren Reise durch Großrußland nach Riga oder Reval kam, glaubte man sich unwillkürlich in eine alte deutsche Hansastadt versetzt, so sehr stach der ganze Geist dieser Städte vom übrigen Rußland ab. Das kulturell ganz zu Skandinavien gehörige Finnland kann ich für meine Argumente allerdings kaum in Anspruch nehmen, weil es trotz der Oberherrschaft Rußlands durch eine offizielle Grenze von demselben getrennt war. Mit um so größerem Rechte kann ich aber hier auf Polen hinweisen: Zwei von den drei Teilen wurden nicht nur politisch, sondern auch - und vor allem - kulturell auf Schritt und Tritt, in der Schule, auf dem Marktplatze, in ihrer Entwicklung gehemmt und verfolgt, ja sogar im freien Gebrauch ihrer Muttersprache und in der Ausübung ihrer Religion behindert. Und was war nach hundertfünfzig Jahren das Resultat? Eine gerade kulturell ganz ungebrochene, homogene Nation, die auf der Geistespalette der europäischen Völker sich ihre eigene starke Farbe unvermischt erhalten hatte. - Nicht einmal die Juden sind ihrer kulturellen Eigenart ganz verlustig gegangen, trotzdem sie seit bald 2000 Jahren der elementarsten Voraussetzungen zur Pflege einer nationalen Kultur, der eigenen Scholle, Sprache und territorialen Volksgemeinschaft, beraubt sind.

Wenn man bedenkt, daß es sich bei den angegebenen Beispielen, mit Ausnahme der Schweiz, um unterjochte und in ihrer kulturellen Entwicklung künstlich gehemmte Nationalitäten handelt, so kann kein Zweifel darüber bestehen, daß bei einer freiwilligen Vereinigung der Völker ihre kulturelle Integrität erst recht gewahrt bliebe. Überdies stünde der Aufnahme von besonderen Kulturkautelen in die Verfassungen der einzelnen Länder nichts im Wege. Daß dieselben, jedes geheimen imperialistischen Vor- oder Nachteils beraubt, ehrlicher beobachtet würden als die Minoritätsgesetze des Versailler Vertrages, liegt auf der Hand.

VIII. AMERIKAS REICHTUM. EIN GRUND MEHR FÜR PANEUROPA

Nun bleibt mir noch die Auseinandersetzung mit einem Gegenargument übrig, das auf den ersten Anhieb schwerer zu wiegen scheint als die übrigen, aber bei näherer Betrachtung noch weniger standhält: Der Hinweis auf den angeblich größeren Reichtum Amerikas an Bodenschätzen und auf seine dünnere Besiedlung, welche einem größeren nationalen Besitzanteil pro Kopf der Bevölkerung gleichkäme. Zunächst erscheint mir der größere natürliche Reichtum Amerikas gegenüber Europa noch nicht erwiesen; wenn man aber Rußland zu Europa hinzurechnet, was man bei einer hoffentlich fortschreitenden Häutung der Bolschewiken in absehbarer Zeit zu tun berechtigt sein dürfte, so wage ich, das Übergewicht Amerikas in Naturschätzen geradezu in Zweifel zu ziehen. Und dies erst recht, wenn man die den europäischen Mächten gehörenden Kolonien hinzurechnet. Aber selbst angenommen, daß Europa an Bodenschätzen wirklich ärmer sie als Amerika - das wäre höchstens ein Grund mehr für die schleunigste Durchführung der Rationalisierung unserer Wirtschaft, das heißt der Paneuropäisierung. Seit wann hätte man gehört, daß der Arme mehr verschwenden darf als der Reiche! Diejenigen also, welche die angebliche Armut Europas als Einwand gegen die Zweckmäßigkeit einer ökonomischen Nachahmung Amerikas anführen, denken nichts weniger als logisch. Sie könnten bestenfalls die Frage aufwerfen, ob uns die Ersparungswirtschaft, als welche sich Paneuropa darstellt, solche Schätze einbringen kann als sie Amerika abgeworfen hat. Ich würde mit einem "Ja" antworten. Aber auch im entgegengesetzten Falle, das heißt ohne Rücksicht auf die Höhe der ersparten Summe, wäre schon geradezu Unausrechenbares gewonnen, wenn durch Abschaffung von Grenzen, Armeen und Kriegen einerseits zwei Drittel unserer gegenwärtigen europäischen Budgets gespart würden (soviel machen die Ausgaben für die Armeen und den Zinsendienst der Kriegsanleihen aus!), anderseits aber die Gütererzeugung durch Massenproduktion auf das Vielfache der heutigen Menge gesteigert und auf Bruchteile ihrer heutigen Preise ermäßigt würde.

Der paneuropäische Gedanke als solcher hat keine offenen Gegner. Meistens verschanzen sie sich hinter Gegenargumente, die sie von der historischen, territorialen, materiellen, mentalen und sprachlichen Verschiedenheit zwischen Europa und Amerika herleiten. Daher habe ich mich hier bei der Auseinandersetzung mit diesen Gegenargumenten länger aufgehalten als bei der positiven Seite des Gedankens, der als solcher ja ohnehin jedem einleuchten muß. Wenn ich dabei durch Eingehen auf einen Einwand, den er vielleicht gar nicht erhoben hätte, die Geduld manchen Lesers auf die Probe gestellt habe, so wolle er mir zugute halten, daß ich aus Paneuropa auch den andern Leser nicht ausschließen möchte, der vielleicht gerade dieses Argument für das stichhaltigste ansieht. Ich würde den eventuellen Vorwurf übertriebener Gegenargumentanfechterei gern auf mich nehmen, wenn es mir nur gelänge, den Leser in dem Teil der angeführten Einwendungen, den er als triftig ansieht, zu entwaffnen und von der Richtigkeit der folgenden paneuropäischen Glaubenssätze zu überzeugen:

IX. RESUMEE

Die Vereinigten Staaten von Europa bedeuten:

Höhere Löhne,
Billigere Preise,
Freie Konkurrenz, das heißt bessere Qualität,
Größeren Reichtum,
Höheren Lebensstandard der gesamten Bevölkerung,
Wandlung des Lohnkampfes aus einem destruktiv-politischen in einen aufbauend ökonomischen,
Automatischen Abbau des Bolschewismus,
Pazifismus.

Die erste Voraussetzung hiezu, die europäische Mentalität, ist latent im Unterbewußtsein eines jeden Europäers vorhanden. Gegenteilige Erscheinungen sind trügerische Ausflüsse künstlicher Aufhetzung.

Die Amerikanisierung, das heißt Vereinheitlichung unserer Wirtschaft, bedeutet keineswegs die Gefahr der Amerikanisierung unserer Kulturen. Umgekehrt aber ist die Vielfältigkeit der europäischen Kulturen kein Hindernis für Vereinheitlichung unserer Wirtschaftssysteme.

Der Schaden, der bei Öffnung der Grenzen durch Eingehen konkurrenzunfähiger Industrie entstehen würde, ist nur ein scheinbarer und selbst dieser nur vorübergehend.

X. AMERIKAS INTERESSE AN PANEUROPA

"Also hätte die Schöpfung Paneuropas nur Vorteile und gar keine Nachteile?" werden Ungläubige zweifelnd ausrufen.

"Mit Bezeichnung wie Vorteile", wage ich zu erwidern, "wäre das Unternehmen nicht im Entferntesten eingeschätzt." Hier handelt es sich um Sein oder Nicht-Sein, um Freiheit oder Sklaverei. Sollte uns das Wunder gelingen, das Schicksalsschiff Europas durch die Skylla des nächsten Krieges und die Charybdis des lauernden Bolschewismus glücklich hindurchzusteuern, so harrt unser die Versklavung durch Amerika. Schon heute sind die europäischen Nationen zu Tributpflichtigen Amerikas geworden. Daß sich die Europäer freiwillig, durch immer lautere Kredit-Betteleien, in diesen Zustand hineinbegaben, ändert nichts an der Sache. Dabei werden die wachsende Kreditnot und die Unmöglichkeit industrieller Konkurrenz mit Amerika unrettbar einen circulus vitiosus verursachen. Europa könnte die horrenden Zinsen von 8 bis 14 Prozent, mit denen die europäischen Staaten und die Industrie die amerikanischen Schulden und Kredite verzinsen müssen, wenn überhaupt, dann nur durch vergrößerten Absatz auf den Weltmärkten hereinbringen. Auf diesen Weltmärkten aber begegnet es seinem amerikanischen Geldgeber, gegen dessen Konkurrenz aufzukommen es Europa mit seiner unrationellen Produktionsmethode immer schwerer fallen wird. Der Augenblick ist nicht mehr fern, wo in Amerika die Erkenntnis aufdämmern wird, daß es von Europa in seiner heutigen ökonomisch-politischen Struktur niemals auch nur einen angemessenen Bruchteil seiner Schulden wird eintreiben können. Von diesem Zeitpunkt an werden die Interessen Amerikas mit denen der paneuropäischen Bewegung identisch sein. Denn so schwer den einzelnen europäischen Staaten die Verzinsung und Tilgung der amerikanischen Schulden wird, so leicht würde es dem in kurzer Zeit reich gewordenen Paneuropa fallen. Wir Paneuropäer müssen dafür sorgen, daß diese Erkenntnis sich so schnell wie möglich in Amerika Bahn bricht. Ich bin gewiß, daß Amerika alsdann ebenso energisch und erfolgreich die Initiative in der Richtung der Vereinigten Staaten von Europa ergreifen würde, wie es den Dawesplan ins Leben rief. Ein florierendes Paneuropa liegt auch sonst nur im Interesse Amerikas. Die gelegentliche Einbuße der amerikanischen Monopolstellung auf einigen wenigen Gebieten der Industrie würde durch vergrößerte Konsumfähigkeit Europas für andere amerikanische Produkte reichlich wett gemacht werden. Dies lehrt am besten das Beispiel Englands, welches sein Arbeitslosenproblem nicht mehr bewältigen kann, seitdem Deutschland, sein größter Konkurrent, aber auch sein bester Abnehmer, darniederliegt. Amerikas Vorteile von Paneuropa würden die mannigfaltigsten sein:

Sicherstellung der Verzinsung und Tilgung seiner Schulden,
Die Möglichkeit der Errichtung von Tochterfabriken in Europa.

Bekanntlich mußten diesbezügliche mehrfache Versuche Fords an der gegenseitigen Abwehrzoll-Politik der europäischen Staaten scheitern.

XI. PANEUROPA KEINE UTOPIE MEHR

Amerika, das uns das glorreiche Vorbild seiner Vereinigten Staaten gab, muß und wird uns auch die Kraft verleihen, seinem Beispiel nachzueifern, wenn es gewahr wird, daß wir uns selbst helfen wollen. Der jetzige Augenblick scheint mir hiezu besonders günstig. In der Tat, es treffen jetzt so viele glückliche Faktoren zusammen, daß man heute vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte unseres Weltteils die Gründung der Vereinigten Staaten Europas erörtern kann, ohne sich den Vorwurf eines Utopisten zuzuziehen. Übrigens würde mich die Gefahr eines solchen Vorwurfs nicht im geringsten abschrecken. Wie Coudenhove mit Recht sagt, haben alle bedeutenden Ideen in der Geschichte der Menschheit als Utopien begonnen, um als Realität zu endigen. Aber - ich möchte fast sagen leider - hört jetzt Paneuropa auf, eine Utopie zu sein. Die Gründe hiefür sind folgende:

1. Der Weltkrieg mit seinen Greueln ist noch in aller Erinnerung. An seinen Verwüstungen kranken wir noch alle. Seine Zwecklosigkeit, nein, seine Schädlichkeit auch für den Sieger, beginnt sogar in den dümmsten Gehirnen aufzudämmern. Bisher versprach der Krieg für den Sieger ein gutes Geschäft zu werden. Da die eigene geistige und physische Überhebung zu den wichtigsten Geboten des Patriotismus eines jeden Staates gehörte, so darf man sich nicht wundern, daß beide Parteien bei Kriegsgefahr sich des guten Geschäftes eines Sieges sicher fühlten. Daher war der auf Menschlichkeit basierte Pazifismus zum Scheitern verurteilt. Lieber Mord und Totschlag als Verzicht auf die winkende Beute. Und die Beute des Siegers schien meistens des Schweißes der Edlen wert. Seit Ausgang des Weltkrieges hat sich das durchaus geändert. Nicht, daß ich die Großmächte des Nachlassens in ihrer Habgier verdächtigen würde. Das sei ferne von mir! Aber sie beginnen einzusehen, daß die Zeit des großen Fischzuges mit Hilfe eines "frischen, fröhlichen Krieges" vorüber ist. Noch so schlau geprägte, auf Volksbetrug und Aufpeitschung abzielende Schlagworte, wie die von der großen Zeit, die uns erniedrigen, pardon, vertiefen soll, von dem uns abhärtenden Stahlbad, von der Minderwertigkeit und Perfidie des Gegners, werden daran auch nichts ändern. Der Krieg hat sich, zum erstenmal in der Geschichte der Menschheit, selbst ad absurdum geführt. Der einzige Unterschied zwischen Sieger und Besiegtem, wenn es überhaupt noch einen solchen gibt, ist, daß der eine mehr verliert als der andere,, aber verlieren tun sie alle beide. Das war 1914 bis 1918. Beim nächsten Krieg wird auch noch dieser geringe Unterschied verschwinden, weil überhaupt von keinem der Beiden eine Spur übrig bleiben wird ... Von nun an gibt es nur noch einen Sieger, den tertius gaudens, den neutralen Heereslieferanten, vorausgesetzt, daß er selbst weit genug vom Schuß sitzt. Auch Amerikas Kriegsgewinste rühren nicht von seiner Teilnahme am Kriege her, sondern von seiner Rolle als neutraler Heereslieferant.

Erst seitdem der Krieg aufgehört hat, ein rentables Geschäft zu sein, kann man mit einiger Aussicht auf Erfolg darauf ausgehen, die Wirtschaft der europäischen Staaten von der Kriegsauf die Friedensbasis umzustellen. Also auf Paneuropa.

2. Einen weiteren günstigen Umstand für die Wahl des jetzigen Zeitpunktes zur Inangriffnahme der Gründung Paneuropas erblicke ich in der Demokratisierung und Replubikanisierung des größten Teils unseres Kontinents. So lange Europa von den auf ihr Gottesgnadentum in allem Ernst pochenden Dynastien der Romanows, Habsburger und Hohenzollern regiert wurde, wäre jeder derartige Versuch eine an Majestätsbeleidigung grenzende Zumutung gewesen: Die Dynastien, welche die Souveränität ihrer Staaten als ihr eigenes persönliches Attribut betrachteten, hätten niemals die geringste Einschränkung derselben zugegeben. Die schweren, über ein Jahrhundert dauernden Kämpfe, welche sowohl die deutschen als auch die italienischen Fürsten gegeneinander führten, nur um die Einheitsbestrebungen ihrer Völker zu hintertreiben, geben uns einen kleinen Vorgeschmack von den Hindernissen, welche die europäischen Großmacht-Dynastien den paneuropäischen Bestrebungen in den Weg gelegt hätten. Nicht so sehr als überzeugter Republikaner denn als Paneuropäer rufe ich aus: Gott sei Dank, daß uns diese Gefahr nicht mehr droht!

3. Von größter Wichtigkeit für Paneuropa ist ferner der Umstand, daß der sonst verabscheuungswürdige Weltkrieg durch die Befreiung Finnlands und der tschechischen Nation sowie die Wiederaufrichtung Polens wenigstens die schreiendsten Verbrechen aus der Blütezeit europäischer Raub- und Diebstahlspolitik wieder gutgemacht hat. Sonst würde Paneuropa für die bei lebendigem Leibe begrabenen Staaten eine Gefahr, für die Nutznießer dieser Verbrechen ein Hilfsmittel zur Verewigung dieses schmachvollen Zustandes bedeutet haben. Dem gegenüber stellen manche grausamen Härten der Friedensverträge von Versailles und St. Germain kulturelle Übergriffe dar, die, wenn auch tief schmerzlich für die Betroffenen, im Vergleich zu den Staatsmorden von früher (siehe Schlacht am Weißen Berge und restlose Aufteilung Polens) sich als bloße Verstümmelungen ausnehmen. Und gerade diese Wunden lassen sich mit Hilfe des paneuropäischen Verbandes am leichtesten und natürlichsten heilen ...

4. Die ökonomischen Sünden von Versailles und St. Germain (ebenso wie früher von Brest-Litowsk und Bukarest) sind noch schwerwiegenderer Natur. Für jeden, der zu sehen versteht, müssen die durch die angeführten Friedensverträge in den österreichisch-ungarischen Nachfolgestaaten wie auch in den russischen Randstaaten angerichteten wirtschaftlichen Verwüstungen einem akuten Anreiz für die Verbreiterung von Wirtschaftsgebieten bilden, also letzten Endes für Paneuropa. Der am grünen Tisch durch blinden Chauvinismus, falsche Theorien und ökonomische Ignoranz angerichtete Schaden ist unvergleichlich größer gewesen als der durch unmittelbare Kriegszerstörungen verursachte. Ganze blühende einheitliche Wirtschaftsgebilde, die in ihrer damaligen Gestalt fast durchwegs ein natürliches Parallelogramm der auf sie einwirkenden geographischen und wirtschaftlichen Kräfte bildeten, wurden mit einem Federstrich auseinander gerissen. Die von jedem simplen Untertanenverstand, nur nicht von demjenigen der ahnungslosen Regierungs-Weisen von 1918 sofort befürchteten Folgen sind auch nicht ausgeblieben: Finanzieller Bankrott, Arbeitslosigkeit und Elend, Hungersnot und Warenhunger ungezählter Familien. Das Verfahren jener Herren, wirtschaftliche Probleme nach sprachlich-kulturellen oder national-strategischen Gesichtspunkten gewaltsam lösen zu wollen, hätte nur dann eine Existenzberechtigung gehabt, wenn der liebe Herrgott sie bei der Bestimmung der Flußläufe der Donau, der Weichsel, des Njemen usw., ferner bei der Verteilung der Erz-, Kohlen- und sonstigen Schätze dieser Welt zu Rate gezogen hätte. Nachdem aber Gott, ihm sei es gedankt, die Unterlassungssünde begangen hat, augenscheinlich nur nach seinem eigenen unerforschlichen Ratschluß zu handeln, so müßten nun diese falschen Propheten wohl oder übel wiederholen, was schon der Prophet Mahomet vor ihnen getan hat: sich nach den Flüssen und Bergen zu richten, da diese sich nicht nach ihnen richten wollen ...

Für denjenigen, der zwischen den Zeilen zu lesen versteht, bedeutet auch das Resumee der österreichischen Expertise des Völkerbundes nichts anderes als die Verurteilung der aus der Zerstückelung des österreich-ungarischen Wirtschaftskörpers sich ergebenden, einander befehdenden Zwergwirtschaften und den löblichen Versuch, ihre schlimmsten Auswüchse durch Palliativmittel zu lindern. Was von Österreich gesagt wird, trifft auch auf die meisten andern neuen Staaten Osteuropas, auf manche sogar noch in höherem Maße zu. Eine dauernde Gesundung kann ihnen nur das Radikalmittel Paneuropa bringen.

Wenn man die Schlußfolgerung aus dem jetzigen Elend dieser früher blühenden Gegenden zieht und sie auf das übrige Europa anwendet, so ergibt sich mit zwingender Gewalt von neuem die Tatsache: Zwergwirtschaft bedeutet Armut; Großbetrieb dagegen Wohlstand. Der frühere relative Wohlstand Osteuropas im Verhältnis zu seinem heutigen Elend ist nicht geringer als der künftige Reichtum Paneuropas im Verhältnis zu der heutigen Armut seiner einzelnen, auch der größeren westeuropäischen Teile sein würde. Die Armut der osteuropäischen Kleinstaaten verhält sich zum Zustand der westeuropäischen Mittelstaaten wie dieser sich zum Reichtum des Großstaates Nordamerika verhält.

XII. SOFORTIGES HANDELN - GEBOT DER STUNDE

So laßt uns denn den günstigen Augenblick nicht ungenutzt verstreichen und ohne Säumen ans große Werk gehen.

Wie jeder Mensch, der sich an die Öffentlichkeit wendet, hege ich die Hoffnung, daß meine Ausführungen die Zustimmung der Leser finden.

Im Gegensatz zu meiner künstlerischen Tätigkeit könnte ich mich aber mit Beifall allein nicht begnügen. Er wäre mir keinen Groschen wert, wenn ich nicht zugleich auch - den Groschen dazu bekäme. Wir brauchen eure Zustimmung, aber auch eure Mitarbeit, eure Werbekraft und eure Unterstützung in jeder Form.

Wir müssen mächtig und reich werden, wenn wir siegen wollen. Die Geschichte lehrt uns, daß Vernunft und Gerechtigkeit zu ihrem Siege stärkerer Waffen und längerer Kämpfe bedürfen als Beschränktheit und Eigennutz, vielleicht aus dem Grunde, weil es schließlich weitaus mehr beschränkte als aufgeklärte Menschen auf der Welt gibt.

Wenn wir uns das große, über fast unbeschränkte Geldmittel verfügende Heer von Organisationen vergegenwärtigen, die an Zollschranken, Völkerzwist und Kriegführung unmittelbar wie an einem eigenen Geschäft materiell interessiert sind, so werden wir einen Begriff davon bekommen, welcher Mittel wir bedürfen, um ihre oft schlaue, meistens auf die Köderung der Dummen angelegte Propaganda zu paralysieren. Wer uns hilft, fördert nicht nur altruistisch eine gute Sache, er schützt sich und die Seinen vor Vermögenszerstörung, Elend, Massenmord und eigenem Untergang.

Wer sich über unsere nächsten Bedürfnisse und weiteren Pläne sowie über die Art, wie er sie am tatkräftigsten fördern könnte, orientieren will, wende sich an die "Paneuropäische Union" seines Landes, und wo eine solche noch nicht besteht, an die Zentralleitung der Paneuropäischen Union, Wien, Hofburg.

In großen Zügen möchte ich die Wege, die uns zu Paneuropa führen sollen, folgendermaßen skizzieren: Erweckung des paneuropäischen Bewußtseins und Gewissens; Organisierung der unserem Gedanken gewonnenen Werber und Streiter. Als weitere Entwicklungsstufe: Gründung von paneuropäischen parlamentarischen Parteien in allen Ländern Europas. Und dann eines schönen Tages Übergang vom Reden und Schreiben zur Tat. Was diese alles in sich begreifen wird, steht noch dahin. Es wird wohl auch zum Teil von der Beschaffenheit des uns entgegengesetzten Widerstandes abhängen. Wenn nötig, werden wir auch einen uns etwa aufgedrängten Kampf für die Errichtung der Vereinigten Staaten von Europa nicht scheuen, ebenso wenig wie Lincoln vor dem Einsatz von Gut und Leben für das Weiterbestehen der amerikanischen Union zurückgeschreckt ist.

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Weltkarte

2. Jahrgang, Heft 5 Zeitschrift PANEUROPA Herausgeber R. N. Coudenhove-Kalergi

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