Moderne Geiger

Moderne Geiger published 1912, by Eugen Honold.

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Moderne Geiger
Bronislaw Hubermann

Die Vögel, die so früh singen, frißt am Abend die Katze", sagt das Sprichwort. - Nun, Sprichwörter sind eine schöne Sache, aber sie haben doch ihre zwei Seiten. Meist treffen sie zu, manchmal aber auch daneben. Aber an das oben angeführte Sprichwort muß ich doch stets denken, wenn ich von Wunderkindern höre. In den überwiegenden Fällen ist diesen musikalischen Treibhauspflanzen nur ein kurzes Dasein in ihrer Kunst beschieden. Es gibt aber Ausnahmen von der Regel des Sprichworts bei produzierenden und reproduzierenden Künstlern. Man braucht nur Namen wie Mozart, Liszt, Joachim zu nennen. Es gibt doch musikalische Begabungen, die von Anfang an so wurzel- und triebkräftig sind, daß sie die großen Gefahren des Wunderkindtums überstehen, ohne Schaden zu nehmen.

Zu den Wunderkindern, bei denen die frühe Blüte auch wirkliche Früchte getragen hat, gehört Bronislaw Hubermann.

Er ist geboren am 19. Dezember 1882 in Czenstochau bei Warschau und von Nationalität ein Vollblutpole. Sein Vater war Advokat, der dem Sohn Schulunterricht durch Privatlehrer erteilen ließ. Schon mit 6 Jahren bekam der Junge Geigenunterricht, und zwar zunächst durch zwei Schüler des Warschauer Konservatoriums, zuerst durch einen Namens Michelowitz, der auch im Zirkus spielte, dann durch den weiter vorgeschrittenen Rosen. Einige Monate genoß er darauf auch die Unterweisung Isidor Lottos, des weithin bekannten in Warschau ansässigen Künstlers, der aber nicht der rechte für ihn war, da er ihn mit Paganini überhäufte. Im Mai 1892 kam der noch nicht Zehnjährige nach Berlin und in die Atmosphäre Joachims, dem er oft vorspielte, ohne jedoch sein Schüler zu sein. Doch nach 6 Monaten schon verließ er die Reichshauptstadt fluchtartig. Er floh, nicht etwa aus Uebermut oder weil er keiner Lehrer mehr bedurft hätte, sondern weil er sich zu dem Kreis um Joachim nicht stellen konnte. Jetzt übernahm der ausgezeichnete russische Geiger Gregorowitsch eine Zeitlang den Unterricht. Auf späteren Konzertreisen genoß er dann noch vorübergehend Unterweisungen von Hugo Heermann und Marsick in Paris.

Man sieht, daß Hubermann einen eigentlichen Lehrer, der ihm eine vollkommene Ausbildung gegeben hätte, gar nicht gehabt hat. Er hat sich vielmehr zum großen Teil autodidaktisch ausgebildet.

Man sieht daß Hubermann einen eigentlichen Lehrer, der ihm eine vollkommene Ausbildung gegeben hätte, gar nicht gehabt hat. Er hat sich vielmehr zum großen Teil autodidaktisch ausgebildet.

Im Alter von 7 Jahren trat er zum ersten Male in Warschau mit einem Spohrschen Konzert vor die Oeffentlichkeit. So weit hatte er es nach einjährigem Studieren gebracht, gewiß ein Beweis einer nicht gewöhnlichen Begabung für die Geige. Im Herbst 1893 begab er sich auf Konzertreisen, die ihn nach Holland, Belgien, Frankreich und England führten. Dann kam das Konzert, das ihn über Nacht zur Berühmtheit machte. Am Abend war er noch ein immerhin wenig bekanntes junges Geigerlein, am andern Morgen ein Stern am Geigerhimmel. Es war das Konzert am 22. Januar 1895 das er in Wien mit Adelina Patti gab und in dem er die Rolle des Lückenbüßers zu spielen hatte. Er erregte solchen Enthusiasmus, daß er nacheinander 12 Konzerte in Wien geben konnte. Die Weihen für seine Künstlerschaft, um seinen eigenen Ausdruck zu benutzen, brachte ihm die Interpretation des Brahms-Konzerts, das er ihm Jahr darauf, im Frühling 1896 in Wien auf seinem Konzertprogramm hatte. Brahms war selbst im Konzert, hörte zu und schaute recht bärbeißig drein. Nach der Kadenz im ersten Satz sah der Geiger sich um und erblickte Brahms, der sich im Angesicht der zweitausendköpfigen Menge die Tränen abwischte. Nach dem Konzert kam Brahms ins Künstlerzimmer und umarmte den jungen Künstler mit den Worten: "Wie haben Sie mein Konzert gespielt!" Hubermann stammelte einige Worte des Dankes dafür, daß der Meister sein Konzert beelirt habe. "Ach was!" sagte Brahms, der sehr aufgeräumt war. "Sie haben mein Konzert beehrt." Hubermann bat ihn um die Erlaubnis, ihn aufsuchen und sich ein Autogramm holen zu dürfen und erhielt sie auch mit der launigen Bemerkung: "Das Autogramm kriegen Sie aber nur nicht unter einen Wechsel." Der Geiger machte seinen Besuch und erhielt von Brahms sein Bild mit der Widmung: "Dem genialen Bronislaw Hubermann zur freundlichen Erinnerung an Ihren höchst vergnügten und dankbaren Zuhörer Johannes Brahms." Im Verlauf der Unterhaltung bat Hubermann den Meister, er möchte eine Fantasie für Geige schreiben. Brahms ging bereitwillig darauf ein mit den Worten: "Ja, ich schreibe Ihnen eine Fantasie, wenn sie mir nur nicht ausgegangen ist." Ein paar Monate darauf war er tot.

Ausgedehnte Konzertreisen führten den Künstler kreuz und quer durch den Kontingent. Heute ist er eine europäische Größe. Im Jahr 1910 verheiratete sich Hubermann mit der bekannten Schauspielerin Elsa Galafres. Der Ehe ist ein reizendes Söhnehen entsprossen.
Wer das Geigenkonzert von Brahms so spielen kann, daß der Schöpfer selbst seine Herzensfreude daran hat, der muß ein begnadeter Musiker sein. Und das ist Hubermann. Es ist nicht zu verwundern, daß er nach dem für ihn gewaltigen Eindruck der Begegnung mit den großen Johannes sich mit besonderer Vorliebe und glühender Hingabe dem Studium der Brahmssehen Musik, speziell auch der Geigensonaten, dieser drei Gipfelwerke ihrer Gattung, zuwandte. Er tat alles äußerlich Virtuose von sich ab und warf sich auf die Interpretation der klassischen Violinmusik. Brahms, Beethoven, Mozart, Schubert und Schumann stellen ihm Auf gaben, in denen er sich am liebsten und erfolgreichsten betätigt. Sein feines, sicheres Stilempfinden bemeistert die Geigenkonzerte mit derselben wohltuenden inneren Wärme wie die Sonatenwerke. Das Tschaikowsky-Konzert läßt er ebenfalls gerne ab und zu hören und weiß ihm namentlich in den Kantilenenstellen echt nationales Gepräge aufzudrücken. Modernem Schaffen gegenüber verhält er sich bis jetzt noch ziemlich ablehnend. Das ist schade, denn er würde sich für manche modernen Sachen ganz besonders eignen. So wüßte ich kaum einen geeigneteren Ausdeuter der ganz wundervollen, melodisch wie harmonisch höchst bedeutenden und eigenartigen Violin-Klaviersonate in e moll op. 24 von Silvio Lazzari oder der sehr reizvollen Sonate vom dem früh verstorbenen und so hoffnungsvollen Guillaume Lëken. Es wäre sehr zu wünschen, daß Hubermann derartige neue Werke in seine Violin-Klavierabende aufnehmen möchte, in denen er den bestrickenden Zauber seiner reichen Musiker- und Geigernatur am eindrucksvollsten entfaltet. Abkehr und Abwehr zeitgenössischem Schaffen gegenüber hat sich noch bei jedem reproduzierenden Künstler in irgend einer Weise gerächt.

Seine Zugehörigkeit zur Extraklasse der Geiger zeigt auch er in einem höchst individuellen Ton der sich von dem der anderen wirklichen Geigengrößen sinnfällig unterscheidet. Sein Charakteristikum ist das Sensitive, das sich doch von jeder Weichlichkeit fernhält. Er ist darum vorzugsweise ein Held der Kantilene und dabei wieder vorzugsweise Mollheld. Eine besondere Eigenart seines Spieles ist, daß es atmet, fühlbar atmet. Man spürt das belebende Atmen des Künstlers so deutlich, daß man den Eindruck wie vom Sänger bekommt. Und in der Tat hat Hubermann, wie er selbst zugibt, viel von großen Sängern und Sängerinnen wie etwa Jean de Rezke, Plançon, Melba, gelernt und läßt heute noch keine Gelegenheit, einen bedeutenden Sanges künstler zu hören und an ihm zu studieren, vorbei. Um gekehrt haben auch ihm wie mir erste Sterne des Gesanges gesagt, daß sie mit Vorliebe auch von großen Geigern lernen. Ich schnitt im Gespräch mit Hubermann diese belebende und segensvolle Wechselwirkung einmal an und er betonte daß darin ein noch lange nicht genügend ausgenütztes Studienelement für beide Teile liege, dem er persönlich besonders viel verdanke. So merkt, man denn auch seinem Ton an, daß er vom Sänger herkommt, diesem zwar nicht robust großen, aber schlank und edel gewachsenen, höchst kultivierten und feinnervigen Ton so voller Seele. Sein Legato ist von wahrstem Adel und schönster Wölbung. In seinem Ton liegt die ganze innige Hingabe an seine Kunst. Er spielt, was er spielt, grundmusikalisch und höchst temperamentvoll. Die persönliche Färbung seines Spiels ist stets künstlerisch sicher gegründet und artet nie in Eigen willigkeit aus.

Ueberflüssig, zu sagen, daß der Feinschliff seiner Technik höchsten Anforderungen standhält. Den Bogen beherrscht er in seltenem Grade und mit überlegener Ruhe, so daß er tiefes musikalisches Erfassen mit schwungvoller Eleganz vereinen kann.

Er nennt eine der schönsten Stradivarigeigen sein eigen die schon in ihrem Aeußeren eine Rarität ist. Es ist eine rotlackierte aus dem Jahr 1713 von selten schöner Erhaltung Sie besitzt ausgesprochen dunkeln. warmen. glanzvollen Ton und wurde von ihm im Jahre 1911 in London um den hohen Preis von 63 000 M. Von Hill erstanden. Als Reserve geige hat er eine hübsche Josef Guarneri del Gesù der mittleren Periode (1733).

Wenn auch die kleine, schmächtige Gestalt des Künstlers mit dem etwas gekrümmten Rücken nicht gerade ansehnlich genannt werden kann. so weisen doch der umfangreiche Schädel, der ganze, gut ausgearbeitete Kopf mit der ziemlich großen Nase auf etwas Besonderes hin: der intelligente Ausdruck des Gesichts, das liebenswürdig einfache Wesen nehmen sofort ein und in dem Vermögen höchst anregenden Gesprächs offenbart sich derselbe Zauber der Persönlichkeit wie in seinem Musizieren. wie in seinem Musizieren.

Noch sei angemerkt, daß er einer der Bevorzugten war die die auf dem Rathaus in Genua zusammen mit der Sivori sehen Stradivari in einem Glasschrank schlummernde Guarnerigeige Paganinis für eine Stunde zu klingender Leben erwecken durfte. Er fand sie tonlich noch recht gut wenn auch lange nicht so bedeutend wie er erwartet hatte.

Das Charakterbild des geistig ungemein regsamen Künstlers wäre nicht ganz vollendet, wenn ich übergehen würde, daß er sich auch hin und wieder zu anderer als musikalische Betätigung gedrungen fühlt. So hat er vor einiger Zeit in Wien einen viel bemerkten Vortrag gehalten, der inzwischen in Form einer Broschüre erschienen ist, worin er anregend. Worte über das Wesen des Geigenspiels und vornehmlich über die Psychologie des reproduzierenden Talents fand. Er stellte dabei die sehr beachtenswerte Theorie von der "allgemeinen Begabung" des wirklichen Talents auf und verneint die Existenz einer speziellen Begabung. Die Se nach der das Talent zur Betätigung durchbreche, sie oft genug Zufallssache. So ist ja Hubermann selbst nur per Zufall Geiger geworden. Er wurde, als von Anfang an höchst musikalisch zum Musiker und zwar zum Pianisten bestimmt. Da aber seine Eltern ein Klavier nicht erschwingen konnten gaben sie ihm eine Geige in die Hand und so wurde er Geiger. Die Ansicht Hubermanns, daß jemand, der auf einem Spezial gebiet Bedeutendes leiste vermöge seiner Gehirnbeschaften lieit unter der Voraussetzung des Vorhandenseins einer gewissen seelischen und körperlichen Eignung auch auf vielen anderen Gebieten sich erfolgreich betätigen könne, hat jedenfalls viel für sich. Ganz besonders dann, wenn es sich um wesensverwandte oder naheliegende Gebiete handelt.

Eugen Honold (Düsseldorf).

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Hofphot. E. Bieber, Berlin